30/07/26 Die aberwitzige Situation drängte sich wohl bei einigen Liedzeilen ins Bewusstsein – Was soll ich länger weilen, daß man mich trieb hinaus. Das hatte aber keine Chance, der überragenden künstlerischen Leistung von Hinterhäuser/Goerne die Show zu stehlen.
Von Heidemarie Klabacher

Es war eine der souveränsten und intensivsten Winterreisen ever. Dabei war es eine Überraschung. Angekündigt waren Schwanengesang und einzelne Lieder. Der Blick auf die Website fand Bestätigung beim Blick ins Programmheft: Winterreise – Liederzyklus nach Gedichten von Wilhelm Müller D 911.
Matthias Goerne und Markus Hinterhäuser haben mit ihrer aktuellen Lesart die traurige Liebesgeschichte an der Oberfläche des Zyklus bestenfalls gestreift. (Obwohl man sich bei den Versen Willst wohl einmal hinübersehn und fragen, wie es dort mag gehen schon gefragt hat, ob es nicht doch ganz einfach die Sehnsucht ist und nicht die Psyche, so schlicht und gesund kamen sie daher.) Die gängige Lesart vom psychisch Labilen, den das Verstoßen-Werden über die Kante getrieben hat, war als Interpretationsebene natürlich eingezogen: Geradezu irre in diesem Kontext Das Irrlicht. Oder gleich drauf das Lied Rast: Die beiläufige Leichtigkeit, mit der Matthias Goerne die Zeilen Der Rücken fühlte keine Last, der Sturm half fort mich wehen aufflattern ließ, ließ die von Hinterhäuser ins Material gesprengten Felsengründe aus dem vorherigen Lied schauerlich sich wieder auftun.
Tatsächlich aber hat noch keine der Begegnungen mit der Winterreise, und deren gab es viele, die über-individuelle Tragweite des Zyklus so anschaulich gemacht, wie die radikale Interpretation durch Matthias Goerne und Markus Hinterhäuser. Die politische, wirtschaftliche und soziale Situation der Entstehungszeit mit ins Auge zu fassen, gehört seit dem Buch von Ian Bostridge zum Standard. Allein was dort über den „Köhler“ steht, der die Rast im gleichnamigen Lied überhaupt erst bietet! Alles spannend und bedenkenswert mit den „Carbonari“. Aber erst Matthias Goerne und Markus Hinterhäuser haben mit ihrer beinah die Grenzen des Gehörigen im „zivilisierten“ Kulturgenuss sprengenden Lesart der vierten Strophe begreifbar gemacht, dass der „Wurm“ nicht in einem wehen Herzen sticht, sondern in einem faulen System.
Mit glanzvoller Virtuosität und technischer Brillanz haben Bariton und Pianist ihre Botschaft vermittelt. Beim Sänger – die oft gewaltigen Sprünge zwischen den Lagen auf einer Linie. Das Pianissimo so intensiv, wie das seltene und dadurch umso wirkungsvollere Forte. Die hervorragende Textverständlichkeit, obwohl Goerne eigenwilligerweise oft zu Gunsten der vollendeten Linie Konsonanten weglässt.
Beim Pianisten – die Klarheit der delikaten Linie über dem tiefen Grollen des zähe sich schiebenden Gesteins etwa in Erstarrung. Die pure Energie des Klangs. Die Präzision, mit der er innerhalb von Akkordfolgen die Binnen-Melodien herausarbeitet, etwa im ersten Lied oder beim Flattern der Krähe. Die Bandbreite der Klangfarben zwischen eiseskalt auf dem Greisen Kopf und erdenwarm im Wirtshaus, dem emotionalen Erschütterungspunkt.
Immer wieder unerwartete und un-gehörte Pausen und Rubati: Das lange Innehalten nach der dramatischen Strophe im Lindenbaum. Das spürbare Zurückschaudern vor dem ersten Schritt barfuß auf dem Eise im Leiermann. Oder das Gegenteil, etwa das direkte Zusammenhängen der letzten drei Lieder... Eine Winterreise ins Kernholz der Schubert-Interpreation.
2002 wirkte Markus Hinterhäuser in einer szenischen Müllerin von Christoph Marthaler in der Schweiz mit. Eine von William Kentridge (die Musik fast allerdings übertünchende) visualisierte Winterreise mit Goerne/Hinterhäuser ging ab 2014 auf Welttorunee und gastierte 2017 bei den Salzburger Festspielen... Wenn die künftige Intendanz Hirn und Mut hat, war die mit minutenlangen Ovationen zum Anfang und zum Ende bedachte Sternstunde am Mittwoch (29.7.) im Großen Saal des Mozarteums nicht der letzte Auftritt des Gespanns im Festspielkontext. Die Hinterhäuser-Biografie im Programmheft ist eine große Würdigung.
Bild: SF / /Marco Borrelli