FESTSPIELE / UTOPIA CHOIR & ORCHESTRA / CURRENTZIS
18/07/26 Musik lässt sich gut inszenieren in der Kollegienkirche. Glockenschläge, das Orchester und Chor treten im Halbdunkel auf, und man ist versucht, mittelalterliche Mystik zu assoziieren, nähme man da nicht auch Instrumente wie Akkordeons oder (nach der Pause) E-Gitarren wahr.
Von Reinhard Kriechbaum
Dann doch echt alte Musik, Beata viscera, ein einstimmiger Gesang von Perotinus aus dem frühen 13. Jahrhundert, herunter tönend von der Empore. Was für eine Überrumpelung, wenn dann plötzlich mit schier entfesselter Energie das erste der sechs Lieder der Schwermut und der Trauer von György Kurtág hereinbricht.
Miserere war das Motto fürs eröffnende Konzert der Ouverture spirituelle der Festspiele am Freitag (17.7.) in der Kollegienkirche. Teodor Currentzis hat mit seinem Utopia Choir & Orchestra damit auch gleich die erste gewichtige Marke zum Kurtág-Schwerpunkt, für den vor wenigen Monaten hundert Jahre alt gewordenen ungarischen Altmeister, gesetzt. Die Lieder der Schwermut und der Trauer auf Gedichte russischer Autorinnen und Autoren, Texte über Schmerz und Einsamkeit voller Schwermut und Pessimismus, entstanden vor ungefähr vier Jahrzehnten und sind doch frappierend Neue Musik, die nichts an Lebefrische eingebüßt hat.
Die höchst komplexen Chorstücke, filigran im Satz und in bis zu zwanzig Stimmen aufgefächert, werden nur punktuell von Instrumenten schattiert, fast unauffällig, obwohl mit Bajans (Akkordeons), Horn, Trompeten, ein paar Streichern, Pauken durchaus charismatisch besetzt. Es ist genuine Vokalmusik, die den Ausführenden in punkto Intonation nichts schenkt. Wie schafft der von Vitaly Polonsky einstudierte Chor das nur, über all die exponierten Lagen und sich bedrohlich verdichtenden Cluster so perfekt in der Stimmung zu bleiben, dass die unvermittelten Instrumenteneinsätze so haarscharf passen in Tonhöhe und Gewicht? Currentzis hat da ein formidables Vokal-Kollektiv mit sicherer Hand über die scharfgratigen emotionalen Klippen gelenkt. György Kurtàg hat ja viele Noten, aber nie auch nur eine einzige Note zuviel geschrieben. Mit äußerster Konzentration wird die eruptive Kraft der tendenziell ebenfalls knapp gefassten Lyrik eingefangen. Eine Maßstäbe setzende Interpretation dieses Werks.
Wie anders das zweite, ebenfalls orchesterbegleitete Chorwerk dieses Abends: Arvo Pärt Miserere ist in etwa gleich alt wie die Liederfolge von Kurtág – und genauso neu. Pärts charismatische Verbindung des Psalm 50 mit Teilen des Dies irae war zu ihrer Zeit ein Wegweiser der Postmoderne in der Musik. Wort für Wort ging Pärt den Text des Bußpsalms durch, in unterschiedlichsten vokalen Besetzungsvarianten und Gewichtungen von Solostimmen bis zu immer wieder variierten kleineren Gruppen (man denkt an Madrigale). Das könnte man nun meditativ-schwammig angehen, aber genau das will diese Musik ja nicht sein: Currentzis hat genau den nüchternen, ja auch kantigen Tonfall getroffen, mit dem die Vokalisten eben signalisieren, das mit alten Formen und alten Texten nicht Altertümelei betrieben wird, sondern ein Komponist in sagenhaft neue Gefilde aufbricht. Eine entfernte Ähnlichkeit zu Kurtàgs Werk: Auch im Miserere haben die Sängerinnen und Sänger immer das erste Wort, auch da eher instrumentale Schattenwürfe.
Mit Licht ist viel gespielt worden an dem Abend: Die Wand-Kerzenleuchter in der Kollegienkirche in Betrieb, ein Lichtspot auf die Marienfigur im Strahlenkranz über dem Altar. Lichteffekte auch, wenn das Chor-Tutti mit dem Dies irae hereinbricht. Dann wieder Licht aus, eine musikalische Kerzerl-Prozession des Frauenchors durch die Kirche, illustriert mit allerlei leisem instrumental-verspielten Gezupfe: Sub tuum praesidium, die populäre Choralmelodie, als Ohrenschmeichler und in Raumklang aufgespalten. Da durfte jeder Hörer nach-denken und nach-fühlen, wo für ihn selbst die echte Kunst (Kurtág, Pärt) aufhört und der Kitsch beginnt. Jedenfalls ist's zu Herzen gegangen. Gut zwei Minuten Stille, bis der Beifall losging. Aber da waren Currentzis und seine Mitstreiter schon im Dunkel abgegangen. Keine Verneigungsrunde.