FESTSPIELE / GIULIO CESARE IN EGITTO
27/07/25 Luftschutzbunker. Escape room. Kavernen im Mönchsberg könnten es sein. Tunnel unter Gaza. Schutz sucht hier nicht das Volk, sondern die Elite. Und diese liefert sich in Regie und Ausstattung von Dmitri Tcherniakov mit Giulio Cesare in Egitto ein Survival Game des Grauens. Zum Glück gibt es Emmanuelle Haïm, Le Concert d’Astrée und die Musik Georg Friedrich Händels.
Von Heidemarie Klabacher
Ein Regisseur aus einer kriegsführenden Nation – sprich Russland – gebürtig, kann dieser Tage wohl nicht anders. Er muss ein Statement liefern. Zwar werden in Händels Oper keine Eroberungs-Fantasien unter Pyramiden ausgelebt, sondern die Rest-Scharmützel des römischen Bürgerkriegs ausgetragen, aber Krieg ist Krieg. „Wir haben die Handlung von Giulio Cesare völlig entkleidet, um sie ohne Schminke und Verhüllung zu zeigen“, sagte Tcherniakov.
Das hat er getan. So konsequent, dass über große Strecken nur ein Absingen einiger der schönsten Arien der Operngeschichte in einem Alptraum-Setting übrig geblieben ist. Es ist, als würde die Regie mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln – und das sind im Falle eines Regisseurs wie Dmitri Tcherniakov schwere Geschütze – im Haus für Mozart alles aufbieten, um mit den Gräueln der Oper, die es im Giulio Cesare ja tatsächlich gibt, die Gräuel der Realität, von denen täglich die Zeitungen berichten, zu übertreffen.
Die Szene hinterlässt über eine recht lange Eingewöhnungsphase hinweg mit ihrer Trost- auch eine große Ratlosigkeit. Die Musiknummern der einzelnen Figuren wollen sich nicht recht zu einer Geschichte verbinden, nicht einmal Charaktere wollen sich formen. Das Duett Sesto-Cornelia, mit den vielen Seufzern Ahh, auf das man sich schon den ganzen Tag lang gefreut hat? Ja eh. Wird halt ein Sohn der Mutter in die Gefangenschaft entrissen. Folter nicht ausgeschlossen. Warum noch einmal? Ah ja, der Bursche war frech zu dem gestörten Typen Tolomeo, der Sestos Vater geköpft hat, obwohl Caesar der Familie Pompeos Pardon gewährt hat.
Zu diesem Zeitpunkt der Aufführung hatte allerdings auch die Musik ihre Qualitäten erst in den zackigen und martialischen Nummern entfaltet, auch wenn diese zunächst auf der Stelle zu marschieren schienen. Allmählich – und je mehr dem Ende zu umso farbiger und bewegender – entfalteten die Virtuosinnen und Virtuosen von Le Concert d’Astrée unter der Leitung von Emmanuelle Haïm die Musik Händels zum farbenreich schillernden und lebendigen Klanggrund für bewegende Monodramen.
Emotionaler und auch psychologischer Höhepunkt – die Arie der Cleopatra Piangerò la sorte mia bei der der perverse Tyrann Tolomeo friedvoll den Kopf in den Schoß der Schwester legt, wie der kleine Bruder, der er einst einmal gewesen sein mag. Das ist, abgesehen vom Schluss-Tableau der zerstören Seelen, die erschütterndste Szene der Produktion. Da rührte Olga Kulchynska, die als Cleopatra in all ihren Stimmungswechseln bist zur inneren Reifung von Anfang an begeistert hatte, endgültig zu Tränen. Und das ist es ja, was man von Oper will! Die glasklare, wendige, lebendige und technisch perfekt geführte Stimme der in Moskau ausgebildeten Ukrainiern betört in der großen klagenden Linie wie in den brillantesten und rasantesten Koloraturen, die bis ins Detail präzise bleiben. Auch ihre zentrale Aria V'adoro pupille mit der sie Cesare zu becirzen versucht, verführt nicht nur den Feldherrn zum Staunen und Anbeten.
Ziemlich egal bleibt einem in diesem Setting Julius Caesar himself. Ob das gut ist in einer Oper, die seinen Namen im Titel trägt? Wohl macht er einiges mit, fällt ins Wasser, muss sich oft aus- und wieder anziehen (Überhaupt müssen sich die Protagonisten viel an- und ausziehen. Wie oft allein Cornelia ihren Mantel ab- und wieder anlegt) und seine markante Haarpracht leidet sichtlich. Darstellerisch hat der grandiose Countertenor Christophe Dumaux von der Regie wenig Chance bekommen, seinem Feldherrn Charakter zu verleihen. Er muss offenbar, auch ramponiert, vorzeigbar bleiben. Erst in der Schluss-Apokalypse wird auch er ein Geschlagener. Und so will den Giulio Cesare auch keiner sehen! Stimmlich betört Christophe Dumaux mit seinem wendigen und schlanken Countertenor von seiner ersten triumphierenden Arie Curio, Cesare venne e vide e vinse an. Soviel Durchschlagskraft bei soviel natürlicher Leichtigkeit! Die Arie mit obligatem Horn Va tacito e nascosto beschwört Jagdflair in allen Facetten zusammen mit den virtuosen Bläsern.
Lucile Richardot gestaltet die Cornelia, stolze Römerin, Gemahlin des ermordeten Pompeo und Mutter des Sesto, mit stimmlich nicht immer präsent, aber bei zunehmender psychologischer Überzeugungskraft. Der Soprantist Federico Fiorio spielt und singt mit staunenswerter Leichtigkeit und Natürlichkeit die Partie des jugendlichen Sesto, der auszieht den Vater zu rächen. Wie immer ist Sesto das tragischste Opfer in dieser Oper, auch wenn er – psychisch zerstört für immer – überlebt. Das Schicksal, das Regisseur Tcherniakov ihm und seiner Mutter zugedacht hat, ist schlimmer als der Tod.
Noch zwei Countertenöre: Jake Ingbar gibt die eher kleine Partie des Nireno, des Boten Cleopatras. Yuriy Mynenko brilliert in der Partie des Tolomeo stimmlich virtuos, darstellerisch gefährlich, wenn auch in seiner Maske an den Psychopathen Silva (Javier Bardem) in James Bonds Skyfall erinnernd. Sein Bote und Vertrauter widerum ist Achilla, dem der Bariton Andrey Zhilikhovsky mit stimmlischer Brillanz facettenreiche Tiefe verleiht. Auch Cesares Vertrauter ist ein Bariton, ihm verleiht Robert Raso souveräne und unauffällige Präsenz.
Aufführungen bis 17. August im Haus für Mozart – www.salzburgerfestspiele.at
Bilder: SF / Monika Rittershaus