FESTSPIELE / QUATUOR ÉBÈNE

27/07/25 Das Quatuor Ébène aus Frankreich ist ein Stammgast bei den Salzburger Festspielen. Es bürgt für höchste Qualität und dies seit einem Vierteljahrhundert. Das diesjährige Konzert im Großen Saal des Mozarteums endete in verdienten Ovationen. Zwischen Wiener Klassik und russischer Hochromantik gab es auch ein 2025 entstandenes Stück zu hören.

Von Gottfried Franz Kasparek

Raphaël Merlin war von 2002 bis 2023 Cellist des Ensembles. Er ist aber auch Dirigent, Komponist und Arrangeur mit großer Liebe zum Jazz – ein umfassender Musiker. Seinen ehemaligen Partnern widmete er nun ein ebenso unterhaltsames wie „gemäßigt modernes“ Streichquartett in einem Satz. Es heißt Tetrhappy und beschreibt vier musizierende Menschen, die in der Zusammenarbeit und im Zusammenstreiten ihr künstlerisches Glück finden. Also beginnt das Stück mit dem hingebungsvollen Stimmen der Instrumente, ehe ein kurzes, später immer wiederkehrendes, an Beethoven angelehntes Motiv gleichsam eine Probe eröffnet – denn zwischen den Abschnitten kann es passieren, dass nachgestimmt werden muss. Da man bei Tetrhappy auch an „Therapie“ denken darf, geht es auch um das Verhalten in der Gruppe. Als Inspirationsquelle nennt Merlin zudem Self - Portrait in Three Colors von Charles Mingus aus dem Jahr 1959. Dies liegt deshalb nahe, weil das Ensemble sehr gerne die leidigen Grenzen zwischen „E“ und „U“ lustvoll überschreitet.

Das etwa zwanzigminütige Stück besteht nach der Introduktion aus acht phantasievollen Variationen über das Grundmotiv in freier Tonalität. Da gibt es Tango-Anklänge, eine verspielte Burleske, einen indischen Raga und ein köstlich vielfältiges „Allegretto pizzicato“, an dem Bartók seine Freude hätte, ehe die Sache am Schluss immer fetziger und jazziger wird. Nicht immer sind die vier Musici einer Meinung, wie das halt bei Proben so ist, aber sie lösen Probleme mit Witz und Charme. Nach einem tollen Vivacissimo endet das Werk mit ein paar hingetupften, nachsinnenden, stillvergnügten Takten. Vielleicht bremste das neben der doch relativ „neuen“ Textur ein wenig den Applaus vor der Pause, der aber ein herzlicher war.

Die Geiger Pierre Colombet und Gabriel La Magadure sind sozusagen das Urgestein des Quatuor Ébène, sie sind ebenso frisch und flexibel geblieben wir die auch schon etliche Jahre mit ihnen musizierende patente Bratscherin Marie Chilemme. Der neue, nicht nur technisch perfekte Cellist Yuya Okomoto kommt aus Tokio, hat dort und in München studiert und schon viele Preise gewonnen. In der Gründungsphase des Quatuor anno 1999 war er gerade einmal fünf Jahre alt. Er fügt sich mit einem gewissen Ernst prächtig in die feinnervige Ästhetik des Ensembles ein.

Vor der Pause gab es Ludwig van Beethovens erstes Quartett in F-Dur op. 18/1, gespielt in schönster Ausgewogenheit. Das jugendfrische Stück ist oft noch sehr Haydn und Mozart verpflichtet, aber der zweite Satz ist ein „Adagio affettuoso ed appassionato“, welches eigentlich in die frühe Romantik weisende Programm-Musik ist. Es gilt als gesichert, das Beethoven da die Sterbeszene aus Shakespeares Romeo und Julia vertont hat, wie für eine imaginäre Bühne. Dies ist anrührende Musik mit deutlichen Seufzermotiven, dramaturgisch klug gesetzten Pausen und dramatischen Steigerungen, welche das Quatuor ausdrucksvoll gestaltete.

Nach der Pause erklang Pjotr Iljitsch Tschaikowskys (nebenbei: der hat sich in lateinischer Schrift selbst zwar Peter, aber den Zunamen immer mit y geschrieben, nie mit i!) Drittes Streichquartett. Das Werk in der seltenen Trauer-Tonart es-Moll ist in der Tat Trauermusik, nämlich eine Art instrumentales Requiem für den aus Prag stammenden Wahl-Moskauer Ferdinand Laub, der Tschaikowskys Lehrer war, dessen erste Quartette aus der Taufe gehoben hat und 1875 mit nur 43 Jahren gestorben ist. Auch hier ist es wie bei Beethoven der langsame Satz, der nach einem Wechsel von heiteren und düsteren Gedanken in Kopfsatz und Scherzo an dritter Stelle steht - „Andante funebre e doloroso, ma con moto“. Das Quatuor Ébène spürte diesem edlen, tief empfundenen Grabgesang mit seinen leidvollen Aufwallungen und atmosphärisch sonoren Zitaten aus der orthodoxen Kirchenmusik mit Anteilnahme und wundersam sensibel abgestimmten, berührenden Klängen nach. Doch das Leben geht weiter und es folgte das von tänzerischer ukrainischer Folklore bestimmte Rondo-Finale. Ja, der Russe Tschaikowsky hatte ein Faible für das „Brudervolk“ und dessen Musik und viele ukrainische Freunde...

Als Zugabe gab es den geistvoll pointierten Waltz aus den Three Divertimenti for string quartet (1935) von Benjamin Britten. So endete ein wahrlich großer Quartettabend mit viel Stoff zum Nachdenken.

Bilder: SF / Marco Borrelli