FESTSPIELE / BERLINER PHILHARMONIKER (II)
25/08/26 Im zweiten Konzert der Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko standen zwei Werek in c-Moll auf dem Programm, uraufgeführt 1803 und 1905. Da lässt es sich gut über Musik rund um Jahrhundertwenden nachdenken und über die Auflösung scheinbar festgefügter Formen. In diesem Licht erscheint Beethoven so radikal wie Skrjabin.
Von Gottfried Franz Kasparek
Im ersten Teil des späten Abends spielte Leif Ove Andsnes Ludwig van Beethovens Drittes Klavierkonzert. Auf die von Petrenko gebührend symphonisch gestaltete, lange Orchestereinleitung folgte die glasklare, technisch souveräne, von eher herber Empfindung durchflutete Interpretation des norwegischen Meister-Pianisten, ohne Allüren und ganz dem Notentext hingegeben. Im Dialog mit Dirigent und Orchester gab es im ersten Satz ein paar Unsicherheiten, die nicht weiter störten. Die originale Kadenz wurde zum dramatischen Fresko, beendet mit der Pauke als Partner. Voll gefasster Melancholie erklang das wundersam austarierte Lento, ehe das brillante Rondo-Finale in seiner „Mischung aus Trotz und Humor“, wie es Dieter Rexroth bestens beschrieben hat, zum vitalen Ende führte.
Dies ist natürlich ein klassisch formvollendetes Werk, doch die kommende Entwicklung kündigt sich in vielen Details an. Im Fortissimo-Akkord am Ende des Mittelsatzes oder in überraschenden Formulierungen des Finales. Das große Gefühl der frühen Romantik, schon von Mozart in seinen Wiener Konzerten mehr als nur angekündigt, kommt immer mehr zum Vorschein. Auch wenn man es so gebändigt einfängt wie Leif Ove Andsnes. Manchmal klang der hart gestimmte Steinway wie ein verstärktes altes Hammerklavier. Es sei behauptet, dass Beethoven seine Freude damit hätte, denn er überforderte die Instrumente seiner Zeit häufig.
Alle wesentlichen Impulse gingen vom Pianisten aus, Petrenko und das Orchester beschränkten sich auf gediegene, klanglich mitunter etwas indifferente Begleitung. Die Begeisterung des Publikums wurde mit der brillanten Tarantella in As-Dur op. 43 von Frédéric Chopin bedankt. Schön, dass Andsnes die Zugabe gut verständlich ansagte.
Nach der Pause war dann Kirill Petrenko in einem seiner Elemente, nämlich der expressiven Musik der Zeit im 1900. In Alexander Skrjabins Dritter Symphonie schimmert die alte Form nur mehr schemenhaft durch, etwa, wenn im Finale die kleinen Motive der beiden pausenlos vorangegangenen Sätze wie ein Pasticcio à la Beethovens Neunter vorüberziehen, ehe der göttliche Geist der Freiheit siegt. Denn dieses über fünfzigminütige Stück mit dem Untertitel Le Divin Poème ist, wie fast immer bei diesem visionären Komponisten, ein Hybrid zwischen Symphonie und Tondichtung. Die Formlosigkeit, die man ihm vorwerfen könnte, lag in der Zeit. Als Vorbilder sind Richard Strauss und Wagner auszumachen, aber auch, gerade was die formale Freiheit betrifft, Berlioz. Der Held dieser wohligen Klangwellenpracht hat allerlei romantische Kämpfe zu bestehen, versinkt in erotischen Genüssen oder deren Traum in Tristan-Harmonik und eilt schließlich hurtig in die Apotheose.
Kaum eines der Motive merkt man sich wirklich, aber der Zauber dieser Musik liegt nicht in der melodischen Inspiration, sondern in hemmungslos ausgebreiteter Schönheit des Klangs an sich. Dies kann unwiderstehlich sein, wenn man es so transparent und trotzdem spannend musiziert wie es Maestro Petrenko und die in allen Formationen glänzenden „Berliner“ können. Die schillernd samtigen Streicher werden von einem famosen Konzertmeister angeführt, der etliche Soli zu spielen hat. Da denkt man an Ein Heldenleben (1899), allerdings wirkt das bei Skrjabin fast wie Ausflüge in elegante Salons seiner Zeit. Grandios tönt das Blech. Gibt man sich diesem Bad in Wohlklang hin, gerät man in eine Art Trance und fragt nicht mehr nach formalen Hintergründen. Wellness-Musik auf höchstem Niveau. Großer Applaus.