FESTSPIELE / TIMOR DEI
21/07/25 Nachdem er ins Meer geworfen und vom Walfisch verschluckt worden war, hatte der Prophet Jonas hinlänglich Zeit, über seine Berufung – die Bekehrung der Bewohner der Stadt Ninive – nachzudenken. Giacomo Carissimi hat dies in einem Oratorium packend geschildert.
Von Reinhard Kriechbaum
Carissimis Oratorien sind die frühesten der Gattung, eine Übertragung des eben in dieser Zeit, im frühen 17. Jahrhundert, herausgebildeten Stils der frühen Oper auf biblische Stoffe. Monteverdi lässt grüßen. In einer Matinee der Ouverture spirituelle am Sonntag (20.7.) in der Kollegienkirche hat das Ensemble Vox Luminis unter der Leitung von Lionel Meunier zwei beispielhafte Stücke von Giacomo Carissimi (1605-1674) vorgestellt.
Warum Jonas überhaupt im Fischbauch gelandet ist? Er wollte nicht recht spuren, als ihn Gott mit dem Auftrag der Missionierung von Ninive überraschte. Jonas zog die Flucht per Schiff vor, aber der alttestamentarische Himmelvater hat prompt einen respektablen Seesturm entfacht, um Jonas wieder auf den rechten Weg zu führen. Diese Historia di Jonas ruft förmlich nach musikalischem Ausmalen. Nicht nur, wenn die Wogen hochgehen und die Seeleute in gar arger Not Schreckensrufe ausstoßen. Jonas hebt dann im Bauch des Walfisches zu einer umfänglichen Selbstreflexion im Stil der Monteverdi'schen Monodie an. Die knackig erzählte Geschichte geht natürlich gut aus, nach ein paar Sätzen ist das ins Laster entgleiste Ninive auf Schiene.
Im Oratorium Historia di Jephte endet die Sache unerfreulich. Es gibt zwar Aufschub für die Tochter des Königs, aber an ihrem Tod führt kein Weg vorbei. Jephte hat gelobt, nach siegreichem Feldzug den ersten Menschen zu opfern der ihm über den Weg läuft – und das ist ausgerechnet seine Tochter. Schlachtgetümmel, das hoch emotionale Gespräch des Königs mit seiner Tochter, ihr Klagegesang, bei dem einzelne Wörter von den Bergen als Echo zurückgeworfen werden – auch da konnte Carissimi aus dem Vollen schöpfen. Der Schlusschor Plorate filii Israel, plorate omnes virgines steht an Ausdrucksintensität Monteverdis hochberühmtem Lamento d'Arianna in nichts nach.
Vox Luminis, von Lionel Meunier mit sparsamen Gesten aus der Bass-Reihe heraus angeleitet, ist nicht nur als Chor schlagkräftig. Die Sängerinnen und Sänger übernehmen auch die solistischen Rollen, gestalten die Monodien so anschaulich, dass man eigentlich gar keine Übersetzung der lateinischen Texte benötigt. Was auch einnehmend war in dieser Interpretation: In vielen Barockensembles hat sich eine gar übertriebene Üppigkeit im Umgang mit dem Generalbass eingebürgert. Dem setzt Lionel Meunier Sparsamkeit entgegen. Die Gruppe ist mit Theorbe, Harfe, Gambe, Lirone und Orgel zwar reichhaltig besetzt, diese Farben werden aber sorgsam und zurückhaltend eingesetzt.
Zwischen den Carissimi-Oratorien stand ein Werk von Marc-Antoine Charpentier, Le Reniement de Saint Pierre, auf dem Programm. Da geht es darum, dass Petrus seinen Herrn drei mal verleugnet, bevor der Hahn kräht. Auch diese Geschichte endet in Tränen, jenen des von sich selbst und seiner Feigheit enttäuschten Apostels. Charpentier war eine Generation jünger als sein Lehrer Carissimi, die barocke Rhetorik ist weiter entwickelt, aber die Form nach wie vor knapp, ohne illustrierende Arien. Hier übernimmt der Chor über weite Strecken die Erzählung, was den Solostimmen mehr Gewicht gibt.
Beeindruckend, wie farbenreich und stimmlich gleichwertig diese Soli besetzt waren. Ganz wunderbare Gelegenheiten zu markanter Gestaltung: Hier die trügerische Selbstgewissheit, mit der Petrus beim letzten Abendmahl Jesu seinen Mut zur Verteidigung versichert, dort das bedrohliche Trio, das ihn mit der Frage „Bist Du nicht auch einer seiner Jünger?“ in die Enge treibt und zum Einknicken bringt. Das ist packende Musikdramatik.
Hörfunkübertragung am 6. August um 19.30 Uhr, Ö1
Bilder: SF / Marco Borrelli