MOZARTEUMORCHESTER / ANTONINI
19/12/25 Mit dem Meldodram nach Goethes Werther von Gaetano Pugnani brachten das Mozarteumorcheter unter der Leitung von Giovanni Antonini und der Sprecer Sabin Tambrea eine für Literatur- wie für Musikliebhaber gleichermaßen spannende Rarität auf die Bühne.
Von Horst Reischenböck
Giulio Gaetano Pugnani – vom politisch nicht mehr konformen Salzburger Musikwissenschafter Erich Schenk zu Recht als italienischer Klassiker par excellence bezeichnet – war ein Zeitgenosse Haydns, Mozarts und des jungen Beethoven, als die Gattung „Melodram“, also die Verbindung von gesprochenem Wort mit illustrierender Musik populär wurde. Zunächst war die Untermalung orchestral, bei Franz Schubert, Robert Schumann oder Richard Strauss wurde sie auf Klavierbegleitung reduziert.
Um bei Salzburg zu bleiben. Mozart schrieb 1779 aus Mannheim: „In der That – mich hat noch niemals etwas so surpenirt! – denn, ich bildete mir immer ein so was würde keinen Effekt machen! – sie wissen wohl, dass da nicht gesungen, sondern Declamiert wird – und die Musique wie ein obligirtes Recitativ ist – bisweilen wird auch unter der Musique gesprochen, welches alsdann die herrlichste Wirkung thut.“
Johann Wolfgang von Goethes Briefroman Werther wurde von Donizettis Lehrer Simon Mayr und erfolgreichst von Jules Massenet „veropert“. Giulio Gaetano Pugnani (1731 bis 1798) hingegen schuf „seinen“ Werther als Melologo in due parti a Goethe im Jahr1790, acht Jahre vor seinem Tod in der Vaterstadt Turin. Das Werk galt als verschollen, bis es 1996 im Musikarchiv der Wiener Philharmoniker wiederentdeckt und dann sechzehn Jahre später etwa auch im Theater an der Wien aufgeführt wurde.
Giulio Gaetano Pugnani illustrierte den von Alberto Bassi und Ruggero Maghini bearbeiteten und von Schauspieler Sabin Tambrea beim Donnerstagskonzert (18.12.) im Großen Saal des Mozarteums eindrucksvoll gesprochenen Text „nach Goethe“. Auf die typisch italienische eher knallige Ouvertüre folgen 22 unterschiedlich lange ausfallende Musiknummern, in denen der Komponist sein Können eindrucksvoll belegte. Da wird durch Vogelgezwitscher der Violine Landschaft-Atmosphäre erweckt, dort leitet er die Idylle über eine folkloristische Tanzsequenz in dräuendes Gewitter über.
Als Lehrer des Geigenvirtuosen Giovanni Battista Viotti verzichtete Pugnani auch nicht darauf, einen Konzertsatz einzubauen – in der Gegenwart wie für Konzertmeister Frank Stadlers Virtuosität geschaffen. Dieser durfte sich zusammen mit den Kolleginnen und Kollegen an den Pulten unter Giovanni Antoninis einfühlsamer Leitung so recht wohlfühlen. Bei einer Aufführung zu Lebzeiten Pugnanis in Turin nahm dieser übrigens im Moment von Werthers Selbstmord einen Revolver und schoss damit in den benachbarten Raum. Kein wunder, dass die Zuhörer Angst bekamen und glaubten, er sei verrückt geworden. Im Großen Saal machte ein Peitschenknall ebenfalls gehörigen Effekt – und leitete kurz danach in begeisterte Zustimmung für alle engagiert Beteiligten.
Der ORF hat das Konzert im Großen Saal des Mozarteums aufgezeichnet – gesendet wird Gaetano Pugnanis Werther. Melodram nach Johann Wolfgang von Goethe am 27. Dezember um 15.05 auf Ö1 in der Reihe Apropos Klassik – oe1.orf.at
Bilder: Askonas Holt / Marco Borggreve; Wikipedia