MATINEE / MOZARTEUMORCHESTER / ANDRIS POGA
23/02/26 Der 1980 in Riga geborene Andris Poga bewies sich Sonntag (22.2.) im Großen Festspielhaus als Stern am Bruckner-Himmel. Davor eine kleine Pretiose von Franz Schreker und Brahms' Vier ernste Gesänge mit dem Bariton Rafael Fingerlos.
Von Horst Reischenböck
Franz Schreker hängt selbst in seiner Heimat Österreich immer noch das NS-Verdikt nach. Dabei finden sich in seinem Schaffen Juwelen, die ausgegraben und aufgeführt zu werden lohnten. Etwa das achtminütige, sehnsuchtsvoll spielfreudige Intermezzo op. 8. Die ambitionierten Mozarteumorchester-Streicher unter Leitung des lettischen, 1980 in Riga geborenen Gastdirigenten Andris Poga haben das um die Wende ins vorige Jahrhundert komponierte Stück der vergessenheit entrissen – hoffentlich nicht zum letzten Mal zu hören!
Die Vier ernsten Gesänge op. 121 sind Johannes Brahms' letzter Liederzyklus, komponiert 1896 kurz vor seinem Tod. Diese Lieder sind nicht eben populär, allein ob der Thematik ihrer zugrunde liegende Texte und auch stimmlich gefordertem Ausdruck, dem Rafael Fingerlos nachsann. Von Stimmfärbung und Registerumfang entsprechend, nur leider schon ab Parterre-Mitte ohne Mitlesen der Worte nicht nachzuvollziehen. Das mag auch an der die Lieder nahtlos aneinander bündelnden Instrumentalbegleitung von Detlev Glanert gelegen sein. Von alledem blieben eigentlich nur die flirrenden Violinen samt nachfolgendem Walzer vor O Tod, wie bitter bist du an dritter Stelle und das Zerflattern der Bläserstimmen zum Schluss spontan im Gedächtnis. Vielleicht müsste man das öfter hören.

Mit Anton Bruckner wechselte der Horizont nach der Pause ins Positive – der erste Komponist, der den von Franz Schubert spät ins Spiel gebrachten Faktor Zeit als maßgebliches Element in seine Werke einbezog und damit Hörer zu bis dahin kaum so geforderter Konzentration zwang, zum Mitdenken und Nachfolgen in intellektuelle Höhen. Was er aber auch von Interpreten forderte: In vier Briefen an Dirigent Hans Richter mokierte Bruckner sich über zu schnelle Tempi. Nicht umsonst tragen drei der Satzüberschriften seiner Vierten Sinfonie in Es-Dur WAB 104 den Zusatz „nicht zu schnell“. Und erst jüngst fragte ein renommierter Aufnahmeleiter und CD-Produzent: „Wie soll man seine Musik verstehen, wenn man sich nicht Zeit dafür nimmt?“
Andris Poga gab der Romantischen so annähernd siebzig Minuten und gestaltete diese mit dem Mozarteumorchester zu einem nicht oft zu erleben Höhepunkt an tönender Kultur. In Bielefeld wird Poga dieses Werk zum Monatsende mit dem Kölner WDR Sinfonieorchester erneut in Leopold Nowaks vertrauter Ausgabe von 1953 leiten. Die urtext-Edition von Benjamin-Gunnor Cohr ist ja erst seit 2021 erhältlich.
Als ausgebildetem Trompeter ist Andris Poga bewusst, was man Blechbläsern zumuten darf. Sie entließ er zum Einstieg den beschwörend nachdrücklich zart ausufernd geblasenen Hornruf in emotional wirkungsvolle Stimmung. Wie später detailverliebt auch andere Solisten, etwa unter den Holzbläsern Oboe, Flöte und Klarinette, die einmal mehr samt und sonders ihre Topform aufzeigten. Oder das schmetternd auftrumpfende Blech im Halali des Scherzos. Hinter den Streichern, aus denen besonders die Bratschen gelegentlich hervortreten durften und rechtens Sonderlob einheimsten. Oder die Celli dank ihrer voll Schmerz aufwühlend berührenden Trauerkantilene im Andante.
In der Ruhe liegt die Kraft: Wie im Finale das Tempo gegen Ende hin in eine rauschhafte Apotheose aufgetürmt wurde, ausklang und nachhallte, hob diese Wiedergabe in den Rang des Außergewöhnlichen. Entsprechend fiel der Jubel aus.
Bild: kocyanartists.com / Marc Ginot; www.rafaelfingerlos.com / Theresa-Pewal