GRAZ / DIE TRAGÖDIE VON ROMEO & JULIA
14/10/25 Sehr schlechtes Wetter in Verona. Das drückt auch auf die Inspiration der Theatermacher. Von Romeo und Julia bleiben in der Regie von Emre Akal im Grazer Schauspielhaus bescheidene Textfragmente, aber neue Perspektiven aufs Stück sucht man auch vergebens.
Von Reinhard Kriechbaum
„Zwei Familien von gleichem Stand“: Alles, was sie tun, ist seit Generationen eingeübt und formalisiert. Wer wann daher kommt oder geht, wie sie sich zu Tisch setzen, wie sie Wein oder Wasser einschenken, wer den Blick wann wohin richtet oder abwendet. Sogar beim Zähneputzen herrscht Spiegelgleichheit zwischen den aus guter Tradition bis aufs Blut verfeindeten Häusern. Links waltet Vater Montague mit grimmigem Blick übers vertraute Zeremoniell, rechts mit strengem Blick Mutter Capulet. Auch diese beiden: spiegelgleich in jeder Bewegung.
Wir sind in einem für den Münchner Regisseur Emre Akal und seine Mitstreiter (Bühne: Mehmet & Kazim, Kostüme: Lara Roßwag) typischen Setting angekommen. Die Guckkästen auf der Drehbühne lassen uns in eine so verschlurfte wie exotische Hass-Welt schauen. Die Familien sind in ihrem Hass, ihrem Nicht-Wahrnehmen des Gegenübers so versteinert, dass sie tatsächlich in der Steinzeit angekommen sind. Flintstone-Design, aber drückend grau in grau.
Auf den links und rechts der Bühne projizierten Wohntürmen mit je drei Balkonen stehen die Buchstaben C und M. Klar also, wer wo wohnt, doch Emre Akal hat sich für die Familien boshafterweise Gemeinschaftsräume ausgedacht: Ein Speisezimmer mit zwei Tischen, einen Wohnraum mit einem Ding, das vielleicht mal eine Hausbar war. Vor dem Hauseingang stehen zwei Briefkästen im US-Design. Sogar zur Körperpflege müssen die Montagues und Capulets gemeinsam und spiegelgleich antreten. In der Gemeinschaftsdusche legt man zwar die Kleidung, aber nicht den Fehdehandschuh ab.
Viel ermüdende Zustandsbeschreibung, durchgestylt, aber auch ermüdend, trotz der feinen Musik des Münchner Multiinstrumentalisten und Komponisten Enik (Dominik Schäfer). Diese Feuerstein-Welt wirkt ein wenig wie eine Graphik novel, der die Sprechblasen abhanden gekommen sind. Im Gegensatz zu diesem Genre geht hier überhaupt nichts weiter. Es braucht auf Publikumsseite schon einen recht langen Atem.
Mit Text hält Emre Akal sich nicht lang auf. Der Eingangs-Fünfzeiler „Zwei Familien von gleichem Stand / wo alter Hass setzt neue Wut in Brand...“ taucht leitmotivisch immer und immer wieder auf. Der Rest-Shakespeare des Abends findet wahrscheinlich auf einem Script von anderthalb Word-Seiten Platz, wenn's überhaupt so viel ist. Man beginnt nach einer gefühlten Unendlichkeit ungeduldig auf den Stühlen zu wetzen. Aber dann ja doch endlich: Romeo und Julia (Luiza Monteiro, Mario Lapotta) kommen zusammen, ausgerechnet beim Zähneputzen. Und es dämmert endlich ein wenig rosarot durchs Steingrau. Zur Balkonszene treffen sich die beiden unter einem bewegten Planetenhimmel. Leider leuchten dort nicht nur Saturnringe und dergleichen, es fällt auch viel galaktisches Geröll herunter. Kann nur schlecht ausgehen, die Love-Story.
Aber vorerst stehen Romeo und Julia – als einzige haben sie ein wenig Weiß in den Gewändern – reichlich unbeholfen da. Was anfangen mit dieser Liebe? Auf Zuseherseite wächst allmählich die Ungeduld. Wann endlich will Emre Akal etwas über den puren Plot hinaus erzählen?
Aus dem ermüdenden Zustandsbericht – dramaturgisch verschenkt sogar die Szene um den Tod von Tybald und Mercutio, auch wenn die beiden mit Hackbeil und Kochlöffel fuchteln – wächst dann doch wenigstens eine packende Szene: Vater Montague (Franz Solar) und Mutter Capulet (Luisa Schwab) setzen das nackte Liebespaar vor die Tür. Da wirken die beiden schutz- und hilflos wie Adam und Eva bei der Vertreibung aus dem Paradies.
Romeo und Julia brechen freilich nicht wie die biblischen Stammeltern in eine neue Welt auf. Feige machen sie kehrt, folgen den Altvorderen wieder ins Haus. Sie haben nicht die Kraft, sich aus der Hassspirale zu lösen. Nächste Guckkasten-Öffnung: Vater Montague und Mutter Capulet liegen auf dem Tisch, ermordet offenbar von der Amme und Benvolio, die damit einen Schlussstrich gezogen haben. Und ein Guckkasten weiter: Romeo und Julia greifen zum Giftbecher. Ein ziemlich überraschendes, unpoetisches Aus.
Frust kann man als Zuschauer schwer wegstecken nach diesem Abend. Letztlich ist Emre Akal nichts, überhaupt nichts eingefallen zu Romeo und Julia, außer einem neuen Titel. Es heißt jetzt Die Tragödie von Romeo & Julia.
Aufführungen bis 14. Februar 2026 – www.schauspielhaus-graz.com
Bilder: Schauspielhaus Graz / Lex Karelly