GRAZ / SCHAUSPIELHAUS / KARL VALENTIN
05/12/25 Anlachen gegen die Diktatur? Es sollte, wenn's wirklich helfen täte, auch heutzutage schallendes Gelächter über den Erdkreis hallen. Einer, der destruktiven Humor ausgelebt hat, ohne sich Repressionen auszusetzen, war Karl Valentin. Ihm, seiner Bühnenpartnerin Liesl Karlstadt und dem in der Stalin-Zeit dichtenden Daniil Charms gilt eine Produktion im Grazer Schauspielhaus.
Von Reinhard Kriechbaum
Dem Wortwitz und der Situationskomik von Karl Valentin und Liesl Karlstadt noch eins draufsetzen zu wollen: Dafür braucht es nicht wenig Selbstbewusstsein. Die Regisseurin Ulrike Arnold versucht es, indem sie mit der Bühnenbildnerin Franziska Bornkamm und der Kostümbildnerin Anna Lechner eine mit eindreiviertel Stunden Spieldauer recht ausgiebige Groteske entwirft. „Eine komische Panikattacke“ untertitelt sie den Abend, dem ein legendärer Ausspruch von Karl Valentin den Titel gibt: Ich kenne keine Furcht, es sei denn, ich bekäme Angst.
Angeblich war Karl Valentin (1882-1948), der an seinem Lebensabend noch die Nazi-Zeit voll hat durchleben müssen, ein angstvoller Mensch. Er wäre der Partei beigetreten, hätte man Druck auf ihn ausgeübt, räumte er kurz nach dem Krieg ein. Glücklicherweise ist das nicht geschehen, die Zensoren nahmen seinen Humor wohl weniger als hinterhältig denn als krude wahr. Valentin hat sich also gut raushalten können.
Überhaupt nicht geholfen hat der grotesk-angriffige Humor dem Russen Daniil Charms (1905-1942). Der stand in der Umbruchszeit vom Zarenreich zum Kommunismus ganz vorne in der Reihe der Avantgardisten. Nonsens, kafkaeske Bedrohung und bitterer Ernst spiegeln sich in seinem surrealen Schaffen, von dem zu Lebzeiten kaum etwas gedruckt werden durfte. Charms geriet augenblicklich ins Schussfeld Stalins, wurde mehrmals eingekerkert, in Verbannung geschickt und zuletzt in die Psychiatrie eingewiesen. Er verhungerte im von den Deutschen belagerten Leningrad.
Von all dem erfährt man aber nicht ansatzweise etwas in dieser Aufführung, die auf klamaukhaften Slapstick setzt. In dieser Geisterbahn – einem schlichten Guckkasten – bricht immer wieder ein Wägelchen durch die Tür. So kommt in Valentins „Orchesterprobe“ der Kapellmeister mit Hitler-Bärtchen gefahren. All diese unfreiwilligen Komödianten – eine Gruppe von sieben Leuten im Totaleinsatz – sind Meister des Sich-Raushaltens. Die Frage „Warst Du auch dabei?“, die selbstverständlich verneint wird, dient als running gag.
Karl Valentin: Ich kenne keine Furcht, es sei denn, ich bekäme Angst. Aufführungen bis 31.12. – schauspielhaus-graz.buehnen-graz.com
Bilder: Schauspielhaus Graz / Lex Karelly