SOMMERSZENE / COME BACK AGAIN
24/06/26 Bis 83 zählt Susanne Kirnbauer. Da lässt sie sich auf Doris Uhlich ein zum Generationen-Tanz-Projekt Come Back Again. Zum Abschluss der heurigen Sommerszene also die Inszenierung des Abschlusses einer Karriere in einem Beruf, für den man sehr bald zu alt ist: dem Ballett.
Von Erhard Petzel
Bei der Hitze draußen muss es wenigstens innen nicht heiß hergehen. Gemächlich bringt sich die alte Dame am Dienstag (23.6.) in Sitzstellung, auf einem schwarzen Stuhl in der Mitte der Bühne. Das Husten im Publikum ist zunächst die hauptsächliche Aktion. Da kommt aber Leben in die Beine. Im Sitzen wird getippelt, die Beine werden gegrätscht. Die einstige Solotänzerin des Balletts der Wiener Staatsoper und spätere Choreografin der Volksoper steckt in blauschwarz glänzender Stretchhose und lockerem Oberteil mit Ringmustern an den Armen, sodass der ganze Raum außer den Scheinwerfern auf die Farben Schwarz, Weiß (Haare und beim Mikrofon abgehängte Strumpfhose) und den roten Tupfern der langen Fingernägel abgestellt ist. Dann flattern die Arme, wozu die elektronische Musik Boris Kopeinigs mit profunden Herzschlägen einsetzt. Haben die Hände endlich den Kopf abgetastet, steht der Mensch auf der Bühne auf und ergeht sich in verhaltenen Ballett-Figuren.
Nachdem der Sessel seitlich ans Mikrophon verschoben ist, wird der freie Platz mit dem Spiel einer Ballett-Stange genützt. Dass das ein Gerät ist, an dem man sich üblicherweise abstützt, wird zwar auch angedeutet, vielmehr verwandelt sich das Ding durch seinen Gebrauch in einen Taktstab und sonstiges Bewegungs-Spielzeug. Der ausführende Mensch wird zum Kämpfer mit Lanze oder zum Wasserträger, jedenfalls aber zum Spielenden. Eine längere Stange lässt sich trefflich in Schwingung versetzen oder als Ruder umdeuten. Alle Bewegungslust führt schließlich in den Überdruss, weshalb das verwendete Gerät einfach abgeworfen wird. Nach so viel Aktivität ruft der Sessel mit seiner Verheißung von Entspannung.
Nach Durchzählen der Lebensjahre wird das schwarze Oberteil abgelegt und die Strumpfhose zur Armtracht umfunktioniert. Zu verspielten Zerlegungen lassen sich die bestrumpften Oberextremitäten zu so einfachen wie schmerzlosen Spitzentanz-Elementen ausgestalten, bis sich der Tanzstil zum arrangierten Only You in Richtung Disco-Fever verändert. Die Strumpfhose hat nun ausgedient, Susanne Kirnbauer treibt sich im unbarmherzigen Befehlston durch die harte Schule des Ballett-Trainings, mit übersteigerten Feedback-Schleifen und Einzählen auf höllernden Klängen. Mit der Stange wird martialisch dazu gestampft bis sich Discoklänge in Schulterarbeit umsetzen. Wenn jetzt Uhlich persönlich im Silberhemdchen auftaucht, kommt es zum vergleichenden Schlagabtausch in Bewegung. Hier wird Jugend durch weiche Eleganz und hohe Flexibilität präsentiert, dort der steifere Schatten der Einschränkung, die als solche nicht akzeptiert wird und energisch der gestaltende Wille seinen Weg im Körper umsetzt. Durchaus zärtliche Momente, wenn Doris Uhlich die Kollegin am Rücken sanft zu Boden bringt oder später vorsichtig hebt.
Natürlich kann Doris Uhlich es nicht ganz lassen, die alte Ballettwelt mit einigen enigmatischen Figuren zu verulken. Letztlich landen beide im Bauchtanz. Danach werden ganz andere Saiten aufgezogen. Bühnennebel und rosa Laufsteg für einen alten Revuestar mit Mantille und schwarzen Ballons, die sich mit der angehängten Strumpfhose zum wichtigen Kostümaccessoire mausern. Aber das muss dann auch noch getoppt werden mit einem riesigen Schirm aus dem Hintergrund, der als Unterrock, mit Krinoline verstärkt, ein überdimensioniertes Tutu für absurdes Vaudeville-Geplänkel im Rock-Ton abgibt.
Sind das Monstrum und der übrige Pomp bis auf die Nebelschwaden entfernt, vermutet das Publikum das Ende und applaudiert eifrig. Es hat sich aber getäuscht. Es kommt noch zu einem kleinen Dialog zu Werdegang und Einstellung, dann zählt Kirnbauer ihre 83 Jahre zurück und stellt einige der Stationen heraus. Ein finaler Tanz bis zum Keuchen führt zur abschließenden Betrachtung, dass ihr Publikum sie niemals hätte atmen hören. Wenn das Licht ausgeht, stimmt das auch hier wieder. Der Reiz der Produktion liegt im Spannungsfeld zwischen unterschiedlichen Anspruchsebenen zu künstlerischer Leistung, Kreativität und Produktivität und einer Erzählung über uns als verletzliche und vergängliche Wesen. Erfolg und Preise zeugen von der verständlichen Gültigkeit der in diesem Sinne entwickelten Projekte.