SCHAUSPIELHAUS / AUTOMATENBÜFETT
19/09/25 „Weil es nur einmal ist, das Leben, müsste es anders sein“, heißt es einmal – und diesen Satz könnte eine jede und ein jeder in diesem Menschensammelsurium am Fischteich sagen. An einem solchen, rund ums Automatenbüfett der Frau Adam, hat Anna Gmeyner 1932 eine Gesellschaft ohne Zukunftsperspektive versammelt.
Von Reinhard Kriechbaum
Eva, 21 Jahre alt, ist ins Wasser gegangen, Leopold Adam hat sie gerade noch herausgefischt. „Nicht einmal zum Sterben kann man seine Ruhe haben“, sagt die Lebensmüde. Im mehr als bescheidenen Haus der Adams findet sie Aufnahme, mit gutem Grund scheel beäugt von Frau Adam und mit übergroßem Interesse betrachtet von den Männern des „Deutschen Amateurfischerverbands“, die im Schauspielhaus Salzburg zum Teil auch von Frauen gespielt werden. Nicht der einzige Modernismus in dieser Inszenierung von Sophia Aurich, der neuen Ko-Theaterleiterin im Schauspielhaus Salzburg.
Ödön von Horváths Geschichten aus dem Wiener Wald und Kasimir und Karoline sind beinah zeitgleich entstanden wie Anna Gmeyners Automatenbüfett, auch Hans Falladas Roman Kleiner Mann, was nun lag gerade druckfrisch da. Es gab in den frühen 1930er Jahren genug „Abgehängte“, die anfällig waren für merkantile und politische Luftschlosserei aller Art, die sich mit dem Erstarken der Nazis alsbald in tiefbrauner Erde verfestigen sollte. Guter Grund also, heutzutage auch an die aus jüdischem Hause stammende Anna Gmeyner (1901-1991) zu erinnern. Ihre literarische Karriere (in Wien und Berlin) war mit dem englischen Exil rasch geknickt. Wer hat je ihren Namen gehört?
Wir sind also in jener Halbwelt, in der auch Ödön von Horváths seine ihr höchst bescheidenes Glück Suchenden strampeln und scheitern ließ. Hier nicht im Jahrmarktsmilieu, sondern am Fischteich. Noch ein wenig abseitiger also. Lara Marie Kainz hat einen Altkleidercontainer geplündert und Martha Pinsker lässt rund um die Buffet-Bude der Frau Adam – nach Münzeinwurf werden mittels Drehvorrichtung Bierkrüge und Würstel angeliefert – die Protagonisten in Stiefeln im Wasser waten. Eigentlich steht's allen längst bis zum Hals, aber zehn Zentimeter müssen auf der Bühne reichen. Weil die Emotionen ja andauernd aufkochen, wird nicht nur viel geschrien, sondern auch gespritzt. So weit so anschaulich.
Was sich im bescheidenen Zimmer hinter der Bude abspielt, wird per Video übertragen, was der Textverständlichkeit nicht immer zugute kommt.
Der Inhalt tut eigentlich wenig zur Sache. Herr Adam hat eine Vision, Fischzucht in professionellen Dimensionen. Der Bürgermeister will den Fisch-Sumpf eher trocken legen. Die Herren vom Fischverband sind zaghaft und gegen alles. Alles nichts also. Adam (Wolfgang Kandler mit roter Zipfelmütze), der Wohlmeinende und vermeintliche Beschützer der geretteten Eva (Leonie Berner) reitet die junge Frau ordentlich hinein. Weil sie offensichtlich gut auf Männer wirkt, soll sie deren Absichten ausspionieren. Eva kommt dadurch in Verruf. Ein ganz fieser Typ ist Pankraz (Lucas Riedle), ebenfalls Quartiergänger bei den Adams. Lässig steckt er die Hände in die Tasche. In den Buffetautomaten wirft er Knöpfe statt Münzen. Er hat es auf Eva genau so abgesehen wie auf die Buffetbetreiberin (genauer gesagt auf ihr Geld). Frau Adam (Elisabeth Nelhiebel), wiewohl ein eigentlich starker Charakter, wird für ihn ein leichtes Opfer.
Es fehlt nicht an Pointen, über die man bei aller Tristesse herzhaft lachen kann. In den Dialogen blitzt immer wieder jüdische Chuzpe auf. Die Stärke des Stücks, das vor einigen Jahren Barbara Frey im Burgtheater aus der Versenkung geholt hat, sind die kleinen Figuren-Charakteristiken. An denen arbeitet sich Regisseurin Sophia Aurich ambitioniert ab. Viele Bemerkungen der Randfiguren lässt sie von der ganzen Gruppe sprechen – ein Antiken-Chor der Underdogs. Sehr genau dafür die psychologische Zeichnung der Hauptfiguren. Rührend, wenn Frau Adam, wiewohl längst Pankraz auf den Leim gegangen, noch einmal nach der Hand ihres Ehemanns greift. So grell, bizarr, skurril diese Leute sich aufführen – es sind dann doch Charaktere aus Fleisch und Blut, mit denen man Mitleid, für die man gelegentlich sogar Sympathie empfindet.
In diesem Pandämonium der Glücklosen glänzen vor allem die Frauen. Frau Adam steht für einen Frauentyp, der sich mit jeder Situation zu arrangieren sucht und das jeweils Beste herauszuholen trachtet. Doch auch wer mit beiden Beinen im Leben steht ist nicht gefeit vor Sehnsüchten und Illusionen. Elisabeth Nelhiebel bringt das sehr gut rüber. Leonie Berner als Eva, gertenschlank, einen Kopf größer als die meisten rundum, ist eine Noli-me-tangere-Figur. Wie ein Katalysator wirkt sie in dieser Menschengruppe mit unerfüllten und unerfüllbaren Hoffnungen. Witzig der Odachlose Puttgam (Elisbeth Kanettis, die sich auch an den Synthesizer setzt und für die Livemusik sorgt) – der brotlose Künstler ist vielleicht gar besser dran als die vermeintlich „bürgerlichen“ auf der Verliererstraße. Ambitioniert das weitere Ensemble (Sophia Fischbacher, Fabian Cabak, Angie Mastoraki, Michael-Lorenz Brandner), das in der zwischen Expressivität und Groteske pendelnden Inszenierung eher nicht zur Zurückhaltung angehalten ist.
Am Ende lässt es Sophia Aurich nicht gut sein mit dem Automatenbüfett. Da hängt sie noch zwei Episoden aus Heiner Müllers Die Schlacht dran und wir sollen sehen, wie Nazi-Geist und Krieg eben aus der vorangegangenen Hoffnungslosigkeit herausgewachsen sind. Ein theaterpädagogischer Wink mit dem Zaunpfahl.
Aufführungen bis 19. Oktober – schauspielhaus-salzburg.at
Bilder. Schauspielhaus Salzburg / Erika Mayer