ARGE KULTUR / DRAUSSEN VOR DER TÜR

27/04/06 Ein brillantes Ensemble unter Leitung des Regie-Studenten Jakob Schulte spielte in der ARGEkultur eine postdramatische Paraphrase über Wolfgang Borcherts Kriegsheimkehrer-Drama Draußen vor der Tür.

Von Dietmar Rudolf

Noch ist der Theatersaal verschlossen, aber „draußen vor der Tür“ hängen im Kreis Kopfhörer von der Decke, mit denen zur Einstimmung Statements junger Leute zu ihrem Lebensgefühl in diesen kriegerischen Zeiten angehört werden können.

Als der Saal geöffnet wird, sitzen bereits drei junge Menschen (Pia Dembinski, Mariia Soroka, Konstantin Lohnes) in Wehrmachtsuniformen auf einer Bank. Nebelschwaden ziehen bei schummriger Beleuchtung über das reduzierte, nur aus einer großen Kunstgrasfläche bestehende Bühnenbild von Yvonne Schäfer. Aus einem alten Kofferradio hört man mal Wetterbericht, mal klassische Musik oder das Lied von der „kleinen tapferen Soldatenfrau“ aus Borcherts Stück. Die drei grölen begeistert mit.

Dann fangen sie an über einen Oberst, wohl ihren Vorgesetzten, zu erzählen. Über seine Schneidigkeit, seine Kultiviertheit, seine Eitelkeit. Im Angesicht von Stalingrad und der dortigen Massenschlächterei. Mit satirisch übertriebener Hochachtung. Bei der insistierenden Wiederholung von Satzfragmenten und dem penetranten „hat der Herr Oberst immer gesagt“ fühlt man sich fast in ein Thomas Bernhard-Stück versetzt.

Die Schauspieler wechseln in postdramatischer Manier die Rollen (vom Kriegsheimkehrer Beckmann bis zur Frau, die seine elterliche Wohnung in Beschlag genommen hat) wie den Pelzmantel des Obersts, den sie abwechselnd tragen.

Die darstellerische und sprachliche Präzision, die sie dabei bei aller grotesken Übertreibung an den Tag legen, ist beeindruckend. Plötzlich eine scharfe Wendung ins Bitterböse: „Der Oberst war ein Schwein.“ Dann werden Bodenplatten entfernt, will heißen: Gräber werden sichtbar. „Ich gebe Ihnen die Verantwortung zurück, Herr Oberst.“ Gemeint ist die Verantwortung für die elf Kameraden, die Beckmann nicht aus dem Kugelhagel zurückbringen konnte. Original-Versatzstücke wie Beckmanns Traum vom Riesenxylophon des Generals mit Menschenknochen werden als Archivmaterial vom Band zugespielt. Dazu werden Stiefel geputzt, Uniformhemden in Reih und Glied gelegt. Ordnung muss sein bei der Armee.

Das klingt alles etwas verwirrend, hat aber durch Schultes stringente Regie und Texteinrichtung sowie die kongeniale Umsetzung durch das Schauspielerinnen-Trio absolut atmosphärischen Sinn. Die selbstgerechte „Banalität des Bösen“ wird bissig bloßgestellt. Dass dabei Borcherts Originaltext weitgehend auf der Strecke bleibt, ist bedauerlich – „Nach Motiven von…“ wäre der präzisere Untertitel gewesen als Draußen vor der Tür (frei nach W.B.) – tut aber dem hochspannenden Abend letztlich keinen Abbruch. Dann Cut. Die Schauspieler reißen die vierte Wand ein, machen in abenteuerlich überdrehter Weise beim Publikum Werbung für die Armee, verscherbeln Knobelbecher und andere Militärutensilien, schenken Schnaps und Zigaretten aus.

Wir sind in unserer Gegenwart. Dann wieder Cut. Großer Auftritt des bisher unterbeschäftigten Musikers, der in einem Chanson mühelos abwechselnd in die Rolle der Werber („Wir brauchen Helden in Grün“ ist nur eines der Originalzitate aus der derzeitigen Bundeswehrkampagne) und die eines zweifelnd-verzweifelten jungen Mannes schlüpft. Ein Kabinettstück von Johannes Brömmel.

Und ein letztes Mal: Cut. Die Schauspieler treten wieder auf, stellen kleine Papphäuser auf den Rasen mit den noch offenen Gräbern, befestigen Lichtergirlanden daran, während vom Tonträger der betrunkene Beckmann von der Unbegreiflichkeit der gigantischen Totenzahlen erzählt. Dazu Sirenen. Ein Kind tritt auf – das engelhaft weiße Gewand ist ein bisschen zu viel des Guten – und schwingt auf einer vom Bühnenhimmel heruntergelassenen Schaukel über den Gräbern. Und Beckmann stellt vom Band seine berühmte Schlussfrage: Gibt keiner Antwort?

Ein starkes Bild. Noch ist im Stück nicht alles aus einem Guss, manches steht disparat nebeneinander. Aber junge Künstler, die – wie sie beim abschließenden Publikumsgespräch bekennen – Krieg ja nur vom Hörensagen und aus den Medien kennen, haben hier aus Motiven eines Nachkriegsstücks einen großartigen Theaterabend gestaltet, auf dass die Gegenwart nicht wieder zur Vorkriegszeit werde. Das verdient allerhöchsten Respekt.

Bilder: ARGEkultur / Raphael Mittendorfer