FESTSPIELE / JOHANNES-PASSION
23/07/25 Theologen mögen die Stirn in Falten legen: Den Opfertod Christi unter das Motto der diesjährigen Ouverture spirituelle – Fatum – zu stellen, ist vielleicht nicht ganz im Sinne des Erlösungsgedankens nach christlichem Verständnis. Aber das könnte man ja in der Diskussionsreihe Disputationes vertiefen.
Von Reinhard Kriechbaum
Bachs Johannes-Passion war allemal ein Programmpunkt auf der sicheren Seite, mit zwei ausverkauften Termine (22. und 23.7.) in der Kollegienkirche. Und mit Vox Luminis und dem Freiburger Barockorchester war auch verlässlicher Originalklang gesichert. „Original“ bedeutete in diesem Fall die Erstfassung von 1724. Die evangelischen Dienstherren haben ihrem neuen Thomaskantor nämlich ein wenig dreingeredet nach der Uraufführung: „Als ob man in einer Opera oder Comödie wäre“, so eine kritische zeitgenössische Stimme.
Die Musikdramatik hat Lionel Meunier, der selbst den Part des Christus übernahm und die Aufführung wieder aus dem Chor heraus mit minimalen Gesten leitete, vor allem mit dem Vokalensemble herausgearbeitet. „Wäre dieser nicht ein Übeltäter“ – das klang entschieden nach mehr als einer bloß erregten Volksmenge, da wurde schon der außer Kontrolle geratene Zorn eines aufgebrachten Mobs spürbar. Präzision und Schlagkraft dieser Vokalgruppe – in zwei Gruppen mit je acht Sängerinnen und Sängern aufgestellt – sind immer wieder beeindruckend. Die Choreinwürfe „Wohin“ in der hyper-rasant angegangenen Bass-Arie „Eilt, ihr angefocht'nen Seelen“ suggerierten etwas Chaotisches. Rhetorisch aussagekräftig die Unterschiede, in denen das Volk seinen Rumor äußert („Weg, weg mit dem, kreuzige ihn!“) und den scheinheiligen, wohl kalkulierten Argumenten der Hohenpriester („Wir haben keinen König denn den Kaiser“).
Das hatte in dieser Wiedergabe deutlich mehr Kontur als die stilkundigen, aber dann doch nicht immer dramaturgisch überzeugenden Beiträge des Orchesters (Konzertmeisterin: Petra Müllejans). Es mag der ursprünglichen Aufführungspraxis entsprechen, aber im entscheidenden Moment geht ein Dirigent ja doch ab, vor allem in den Begleitungen der Arien.
Alle Solostimmen waren aus dem sechzehnköpfigen Ensemble heraus besetzt, mit Ausnahme des Evangelisten Raphael Höhn. Dieser Bach-Spezialist besticht durch einen erzählerischen Zugang gleichsam in Zimmerlautstärke, was ihm reiche Möglichkeiten zum Herauszeichnen einzelner Formulierungen ermöglicht, tatsächlich dem entsprechend, was Stimmen der Zeit über Bach sagten: Er sei ein „Prediger in Tönen“. Raphael Höhn, auch ein geeichter Liedsänger, verhilft den Hörern auf manche theologische Fährte. Im Dialog mit Lionel Meunier, der den Christus nicht minder rhetorisch natürlich, ruhig argumentierend anlegt, also eine erhellende Sache. Aus der Schar der Soliloquenten ist vor allem Sebastian Myrus hervorzuheben, der nicht nur den Pilatus, sondern auch die Bassarien übernommen hat.
Bach ist einst der Vorwurf gemacht worden, dass er dem eigentlichen Schlusschor („Ruhet wohl“) noch den Choral „Ach Herr, lass dein lieb Engelein“ nachfolgen ließ, also der Johannes-Passion noch einen subjektiv-empfindsamen Schlusspunkt setzte. Lionel Meunier und Vox Luminis ließen noch ein Stück folgen, die Passionsmotette Ecce quomodo moritur justus von Jacobus Gallus. Das hat man angeblich in der Bach-Zeit in Leipzig auch so gehalten. So eindrucksvoll dieses a-cappella-Stück. Drei eigentliche Schlusstücke sind schon recht viel...
Bilder: SF / Marco Borrelli