FESTSPIELE / JEDERMANN 

20/07/25 Vor Beginn der Premiere unter wolken reichem Himmel hat Regisseur Robert Carsen das Publikum gebeten, den jeweiligen Gott um Verhinderung von Regen zu bitten. Es hat gewirkt. Die beeindruckende Vorstellung ging in der Sommernacht ungestört über die Bühne und fand große Zustimmung.

Von Gottfried Franz Kasparek

Der gestandene Opernregisseur Robert Carsen liebt die Libretti für Richard Strauss und auch andere Texte des Hugo von Hofmannsthal. Die altertümelnde Jedermann-Kunstsprache erinnert ihn an das englische Mysterienspiel-Vorbild Everyman. Und auch Hans Sachs diente Hofmannsthal mit Hecastus als Quelle der Inspiration. In der Tat: So sehr manche Verse dahin holpern, im Raum wirken sie „nit“ falsch, sondern anrührend naiv – und es ist auch eine Frage der rhetorischen Qualitäten der Mitwirkenden, die Inhalte hinter ihrer barocken Fassade zur Geltung zu bringen.Alles in allem versteht man am Premierenabend des fast jedes Wort. Das ist nicht immer so im Fall des Hauptdarstellers Philipp Hochmair, der dieses Manko aber durch sein herbes Charisma, expressive Spiellust und die glaubwürdig gezeigte Läuterung der reichen Mannes im dekorativen Sterben wett macht.

Regisseur Carsen zeichnet gemeinsam mit Luis F. Carvalho auch für die Bühnengestaltung und mit Giuseppe Di Iorio für das Licht verantwortlich, Rebecca Howell für die effektvolle Choreographie. Gespielt wird in der Wiederaufnahme aus dem Vorjahr in großer Originaltreue, aber in heutigen, mit Phantasie gestalteten Kostümen. Eine große Schar von tanzenden, schreitenden, laufenden Menschen bevölkert immer wieder die Spielfläche, blendend geführt als betende, feiernde, trauernde Kollektive.

Das Bühnenbild ist die Fassade des Doms und das ist sehr gut so. Ein alter  Straßenkreuzer dient als Fahrzeug für Jedermann und Guten Gesell, später wird Mammon aus dem Kofferraum steigen. Rote und grüne Teppiche werden entrollt, die Tischgesellschaft tafelt an vielen Tischen und auf goldglänzenden Sesseln unter leuchtenden Discokugeln. Am Ende ist die Bühne leer und Jedermann wäscht einer Versammlung von grau gekleideten „armen Leut'“ die Füße, ehe er dem Tod in die Ewigkeit folgt. Der Tod, Dominik Dos-Reis bestimmt und galant und sehr jung, erscheint zu Beginn im Chorrock und bei Tisch als Kellner.

An Musik gibt es eingangs das Finale der erste Orgelsymphonie von Louis Vierne, zum Feiern zündende Tangos, sogar eine Donauwalzer-Paraphrase, am Ende magisch-mystische Chorklänge von Arvo Pärt. Was nicht vom Band kommt, spielt das famose, vom Keyboarder und Arrangeur Hannes Löschel geleitete „Ensemble 013“ im Domeingang.

Auf der Bühne dominiert neben Hochmair der Gute Gesell, der auch der Teufel ist: Christoph Luser ist wendig, schlaksig, abgründig böse und dennoch liebenswürdig – und ein faszinierender Sprecher der Sonderklasse. Andrea Jonasson tritt als Jedermanns Mutter auf, voll würdevoller Noblesse und wunderbar deutlich artikulierend. Leider ist ihr Auftritt im Finale gestrichen. Dort dominieren neben Tod und Teufel Kathleen Morgeneyer, die nach ihrem verzweifelten Armen Nachbarn nun ergriffen und ergreifend in der Rolle der Werke auftritt, sowie Juliette Larat als Putzfrau, die sich als edler Glaube entpuppt und dem reuigen Sünder die letzte Reinigung bringt. Vorher war schon Kristof van Boven als fetziger Mammon und Alter Ego Jedermanns zugange, welch eine theatralische Knallcharge!

Lukas Vogelsang, ein herrlich passender dicker Vetter, darf im Festtrubel auch zum Mikrophon greifen und rockig-popig singen, Daniel Lommatzsch ist ein witziger dünner Kontrast zu ihm. Luka Vlatković (Hausvogt), Susanne Wende (Koch), Arthur Klemt (als Schuldknecht ein gescheiterter Geschäftsmogul) und Nicole Beutler (sein leidendes Weib) erfüllen ihre Partien perfekt. Ja, und eine Buhlschaft gibt es natürlich auch. Deleila Piasko ist optisch und sprachlich sehr attraktiv, sexy, kann tanzen wie auch ihr Buhle und zeigt sich mitunter besorgt. Schließlich flüchtet sie entsetzt und hilflos.

Knapp zwei Stunden vergehen am Samstag (19.7.) wie im Flug. Zu erleben ist sozusagen ein Urtext-Jedermann, gemäßigt modern aufgemacht. Starke Bilder bleiben haften, bunte und düstere. Das „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ ist letztlich zeitlos und darin liegen der Zauber des Stücks und seine gültige Botschaft. Man denke nur an den aktuellen Fall eines Immobilien-Tycoons und an die klaffende Schere zwischen wenigen Reichen und vielen Armen und Ärmsten – auch hier bei uns im nicht immer Goldenen Westen.

Jedermann – Aufführungen bis 27. August – www.salzburgerfestspiele.at
Bilder: SF / Monika Rittershaus