MOZARTWOCHE / CAMERATA / AIMARD

26/01/26 Düstere Klänge begleiten Orpheus, auf dessen Sage Haydns Oper L’anima del filosofo basiert, auf seinem Weg in die Unterwelt. Doch bald entfaltet sich im Orchester ein Wechselspiel von Licht und Finsternis, das von Giovanni Guzzo und der Camerata Salzburg mit Präzision und Durchsichtigkeit kongenial umgesetzt wird.

Von Dietmar Rudolf

Die Camerata-Bläser wieder einmal in Hochform. Doch dann plötzlich: Die Schlussakkorde. Das musikalische Wunderwerk hatte doch vor ein paar Minuten erst angefangen. Aber natürlich hätte eine ganze Oper folgen sollen – und man hätte sie durchaus gerne gehört...

Zur Gänze den beiden Komponistenfreunden Haydn und Mozart gewidmet war die restlos ausverkaufte Matinee der Camerata Salzburg unter der Leitung ihres Konzertmeisters Giovanni Guzzo am Freitag (24.1.) im Großen Saal. Auf Haydns Ouvertüre folgte Mozarts Klavierkonzert B-Dur KV 595 aus Mozarts Todesjahr 1791, das sich als roter Faden durch die heurige Mozartwoche zieht. Was Pierre-Laurent Aimard, Guzzo und die Camerata aus diesem Meisterwerk machen – man muss dabei gewesen sein. Aimard sitzt nicht wie sonst üblich quer zum Orchester, sondern ihm gegenüber. Das ist kein Zufall, denn so spielt er: Jede Sekunde auf das Orchester bezogen mit dem er musikalisch kommuniziert. 

Nach der langen Orchestereinleitung beginnt im ersten Satz ein ungeheuer spannendes Wechselspiel zwischen dem Solisten und dem Orchester. Besonders hervorgehoben sei der Soloflötist Gauci-Ancelin. Mag Aimard auch deutlich sichtbar die Noten vor sich liegen haben, manches wirkt wie erst gerade „im Gespräch“ mit der Camerata entstanden. Die Tempi sind elastisch. Nie braucht er ein auftrumpfendes Fortissimo, um gewichtig zu wirken. Eleganz – aber definitiv keine oberflächliche – trifft es am ehesten. Vor allem in der fast überirdisch schönen Kadenz.

Die völlige Ruhe, die Aimard im zweiten Satz ausstrahlt, erinnert an den legendären Gulda. Auch im spritzigen Schlusssatz trifft äußere Exaktheit in Tempo und Dynamik auf innere Stimmigkeit. Die Arpeggio- oder Skalengirlanden – für den Pianisten „so what“. Und als nach der Kadenz das Orchester zu den letzten Takten einsetzt, sieht man auf den Gesichtern etlicher Orchestermitglieder ein Lächeln. Sie haben allen Grund dazu. Als Zugabe spielte Aimard drei Klavierminiaturen von György Kurtág. Jede für sich ein aphoristisch reduzierter kleiner Kosmos

Nach der Pause folgten vier Menuette Mozarts, wenige Wochen nach dem Klavierkonzert komponiert. Man vermutet erst eine Verlegenheitslösung, weil das Konzert sonst zu kurz wäre. Doch weit gefehlt: Es ist großartige Musik, die alles auslotet, was ein Menuett zwischen Grandezza und Pastelltönen können muss, und zudem wirkliche Tanzmusik, die Mozart als Auftragswerke für kaiserliche Redouten geschrieben hat. Man hat die die Contredanse-Figuren förmlich vor Augen.

Den Abschluss bildet die Symphonie „mit dem Paukenschlag“ von Josef Haydn. Der Kopfsatz beginnt elegisch, doch bald wird es energischer. Haydn entfaltet ein polyphones Kaleidoskop, das die Camerata bis in die letzte Nebenstimme transparent macht. Der berühmte zweite Satz beginnt mit einem Gag: Nicht nur die Pauke knallt, es scheppert auch noch fürchterlich im Raum. Doch sonst wird dieses kompositorische Kleinod ernst genommen – von dem unglaublich schönen Oboen-Flöten-Duett in der vierten Variation bis zu den unerwartet fahlen Klangfarben am Schluss. Im Menuetto, das sich streckenweise eher nach Bauernhochzeit anhört, ist Guzzo absolut musikantisch unterwegs. Er liebt offensichtlich die Haydn’sche Komik, lässt die Camerata mal poltern, mal verführerisch säuseln, geht agogisch bis an die Grenzen. Frenetischer Beifall für die erfolgreiche Anrufung der großen musikalischen Geister.

Hörfunkübertragung am 3. Februar um 19.30 Uhr auf Ö1 
Bilder: ISM / Wolfgang Lienbacher