TODESFALL / GEORG BASELITZ
01/05/25 Einen „Titanen der zeitgenössischen Malerei“ nennt man ihn auf der Website der Galerie Ropac: Georg Baselitz ist im Alter von 88 Jahren verstorben. Ihm gilt gerade im Museum der Moderne auf dem Mönchsberg eine Schau mit großformatigen Gemälden aus den letzten Jahren.
Von Reinhard Kriechbaum
„Als kanonischer Innovator und einer der bedeutendsten Künstler unserer Zeit hatte er im Laufe seiner Karriere einen tiefgreifenden Einfluss auf seine Künstlerkollegen und die internationale Kunstwelt. Seine Kunstwerke, die in den größten Museumssammlungen der Welt aufbewahrt werden, werden weiterhin sein Vermächtnis tragen.“ So Thaddäus Ropac.
Danach hat es anfangs nicht ausgesehen für den 1938 in der sächsischen Oberlausitz, also in der damaligen DDR geborenen Hans-Georg Bruno Kern (den Namen Baselitz, nach seinem Geburtsort, nahm er erst 1961 an. 1957 verließ er Ostdeutschland, nachdem er von der Kunstakademie Dresden abgelehnt und von der Kunsthochschule Weißensee in Ostberlin wegen angeblicher „gesellschaftspolitischer Unreife“ suspendiert worden war. Er sah sich zunehmendem politischen Druck und der Aussicht auf Zwangsarbeit in einer Bergarbeiterkolonne ausgesetzt.
Aber auch in den Westen schien er nicht zu passen: „Weder Sozialrealist noch Abstrakter Expressionist, künstlerisch wie ideologisch unkategorisierbar“, schreibt Robert Isaf in einem von der Familie veröffentlichten Nachruf. Baselitz' erste Einzelausstellung in West-Berlin 1963 wurde von der Presse als pornografisch bezeichnet. Zwei Gemälde wurden beschlagnahmt, die Ausstellung abgesetzt und er von der Polizei mit einer Geldstrafe belegt.
Aber es ging dann doch schnell: In zwei Florenz-Jahren schuf er die Heldenbilder, eine wegweisende Serie von Gemälden, die als Meisterwerke anerkannt wurde. Im weitesten Sinne Nachfolger des Expressionismus – wäre da nicht etwas gewesen, was die Wahrnehmung seiner Bilder im Wortsinn auf den Kopf stellte: Ab Ende der 1960er Jahre wurde die Drehung seiner Porträts um 180 Grad Georg Baselitz' Markenzeichen.
„Es lohnt sich nicht, Baselitz einer bestimmten Bewegung oder Schule zuzuordnen, denn er ist letztendlich eine ganz eigene Gestalt und Vision“, so Robert Isaf, der in seinem Nachruf besonders auf die in Baselitz' Gemälden unmittelbar entstehende „Beziehung zwischen Betrachter und Betrachtetem“ hinweist. Das sei „eine oft und leicht übersehene Dimension künstlerischen Schaffens, deren Bedeutung in der Moderne jedoch nicht hoch genug eingeschätzt werden“ könne. Letztlich kann die Postmoderne Baselitz bildnerisches Schaffen ebenso für sich beanspruchen wie die Pop Art.
Für die Salzburger Festspiele 2025 hat Georg Baselitz die Ausstattung und die Marionetten für Strawinskys Die Geschichte vom Soldaten entworfen, „ein Wurf in der Szene und in der Musik“, wie DrehPunktKultur nach der Premiere im Marionettentheater schrieb unter Hinweis auf die „so delikaten wie sprechenden Hintergrundbilder – feinste Zeichnungen, Understatement auf Leintüchern“. Die Original-Entwürfe für die Marionetten von Georg Baselitz waren damals im Foyer im Haus für Mozart ausgestellt.
Zu Salzburg hatte Baselitz eine Beziehung nicht nur über den Galeristen Thaddäus Ropac. Er nahm 2015 die österreichische Staatsbürgerschaft an und lebte zuletzt abwechselnd hier, am Ammersee in Bayern und in Imperia an der italienischen Riviera.
Baselitz nahm unter anderem 1972 an der documenta 5 in Kassel teil und zeigte 1980 im Deutschen Pavillon der Biennale von Venedig seine erste Bildhauerarbeit Modell für eine Skulptur. Wichtige Retrospektiven seines Œuvres fanden u. a. 1995 im New Yorker Guggenheim Museum, 1996 und 2011 im Musée d’Art Moderne de Paris, 2007 in der Royal Academy of Arts in London, 2018 in der Fondation Beyeler in Basel, im Hirshhorn Museum and Sculpture Garden in Washington, D. C., und 2021 im Centre Pompidou in Paris statt. Zum 85. Geburtstag des Künstlers zeigte das Kunsthistorische Museum Wien unter dem Titel Baselitz — Nackte Meister einen Dialog mit alten Meisterwerken aus der Sammlung.
Weniger bekannt das Musik-Interesse des Künstlers: Auf Einladung des Wiener Musikvereins und in Zusammenarbeit mit Wien Modern kuratierte er 2022 die Reihe „Musikverein Perspektiven“, in der zwei ihm gewidmete Kompositionen von Elisabeth Harnik und Olga Neuwirth zur Uraufführung kamen. Er entwarf Bühnenbilder für Harrison Birtwistles Punch and Judy an der Niederländischen Nationaloper in Amsterdam (1993), György Ligetis Le Grand Macabre am Theater Chemnitz (2013) und Richard Wagners Parsifal bei den Münchner Opernfestspielen der Bayerischen Staatsoper (2018).
Georg Baselitz lehrte ab 1978 für mehrere Jahre als Professor an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe sowie bis 2003 an der Universität der Künste Berlin.
Baselitz jetzt. Bis 18. Oktober im Museum der Moderne auf dem Mönchsberg – www.museumdermoderne.at
Bilder: Galerie Ropac/Martin Müller (1); dpk-krie (1); Salzburger Marionettentheater/Bernhard Müller
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