CD-KRITIK / GABRIEL FAURÉ
09/07/25 Ein wenig boshaft könnte man sagen: Cellisten sind besonders anfällig für Gabriel Fauré. Après un rêve ist in der Cello-Version ungleich populärer als das Lied, und auch die Sicilienne ist ein geläufiges Zugabenstück. Aber stehen diese Salon-Schmachtfetzen wirklich für den „echten“ Fauré?
Von Reinhard Kriechbaum
Eine CD mit dem Titel Fauré authentique weckt also Neugier. Denn Hand aufs Herz: Wem sind in deutschen Konzertsälen schon je beispielsweise die beiden Cellosonaten mit bereits dreistelligen Opus-Nummern, also Spätestwerke, untergekommen? Da entführen Marc Coppey (Violoncello) und François Dumont (Klavier) in eine ganz andere Welt. Im Eröffnungssatz der Sonate d-Moll op. 109 zerhackt das Klavier förmlich die Cellomelodien. Schwindelig könnte einem werden ob der unklaren Rhythmik und dem harmonischen Glatteis, auf dem man sich da bewegt. Der zweite Satz: auch das eigentlich ein harmonisches Experiment, das Klavier umspielt in Mittel- und Diskantlage die Cellostimme, der Bass scheint abhanden gekommen. Trotzdem kein impressionistisches Flirren und Schimmern, sondern immer noch jene Elegance, die Faurés Musik generell auszeichnet (aber nicht unbedingt dominiert). Nichts läge Marc Coppey ferner, als dem Cello ein Dauer-Schwelgen zuzumuten. Gerade weil er Faden um Faden dieser tonartlich immer wieder taumelnden Stücke aufgreift, muten diese über Strecken gar experimentell an.
Man muss sich die Lebensdaten vergegenwärtigen, 1845 bis 1925. Der auf die Achtzig zusteuernde Fauré hat Sonaten nach dem Ersten Weltkrieg geschrieben. Ausgerechnet der „Salonlöwe“ hat sich da, im Gegensatz zu so manchen seiner französischen Zeitgenossen, nicht auf das vergleichsweise sichere Terrain des Neoklassizismus gerettet, sondern recht mutig und neugierig nach tonalen Grenzwerten gesucht.
Ein besonders eigentümlicher Satz ist das Andante der Cellosonate Nr. 2 g-Moll. Der französische Staat hatte beim Altmeister einen „Chant funéraire“ zum 100. Todestag von Napoleon in Auftrag gegeben, geworden ist daraus der Mittelsatz dieser Cellosonate. Uraufgeführt wurde der Trauermarsch dann aber doch in einer Bearbeitung für die Militärmusik der Garde républicaine. Die Originalfassung: Wie im Tempo eines Trauerkondukts marschiert das Klavier durch eine wenig wegsame harmonisches Landschaft, während das Cello eine schier unendliche Melodie ausbreitet. Beinahe sieben Minuten dauert das.
Rund um die beiden Sonaten sind jene Stücke gruppiert, die den bekannten Teil des Cello-Schaffens des Gabriel Fauré ausmachen, die Salonstücke. Das geht los mit dem virtuosen Papillon op. 77. Auf die unberechenbaren, fast hektischen Flugbewegungen der Schmetterlinge folgt die bezwingende Ruhe der Berceuse op. 16. Ein denkbar größter Kontrast also gleich zu Beginn der Werkfolge, und all das steht eben für den „authentischen“ Fauré. Wäre natürlich nicht authentisch ohne das passende Klavier, einen Érard-Flügel aus dem Jahr 1891. Fauré hat, wenn er verreiste, solche Flügel mit auf Urlaub genommen. Die klaren, nie vorlauten Basstöne, der obertonreiche Klang, der so schön mit dem zurückhaltend und mit sehr kontrolliertem Vibrateo gespielten Cello amalgamiert: Man versteht gut des Komponisten Vorliebe für diese Instrumente.
Fauré authentique. Complete works for Cello and Piano. Marc Coppey (Violoncello), François Dumont (Klavier). audite, aud 97.825 – audite.de