SALZBURGER BACHGESELLSCHAFT / JUBILÄUM
12/01/26 Affetti Musicali. Das Jubiläumskonzert der Salzburger Bachgesellschaft hat Virgil Hartinger seinem Vater Albert gewidmet, dem Gründer und Motor für ein halbes Jahrhundert des Freilegens und Aufblühens verschütteter Epochen.
Von Erhard Petzel
Die „Jugend“ kann den Quantensprung nicht ermessen – seit den Anfängen der Bewegung um die historische Aufführungspraxis und das Selbstverständnis, mit dem heute Alte Musik bis zurück ins Mittelalter verinnerlicht ist.
Nikolaus Harnoncourt galt im Umfeld der „Karajan-Festspiele“ einst als Paria. Ein halbwegs stimmsicherer Countertenor war ein exotisches Aushängeschild... Und doch war ausgerechnet Salzburg in diesen musikalischen Gründerjahren präsent. Einesteils über die Internationale Paul Hofhaymer Gesellschaft mit dem Schwerpunkt Renaissance, Anderenteils mit Albert Hartinger und der Gründung der Salzburger Bachgesellschaft 1976. Die Interaktion von Alter Musik und Moderne spielt bis heute eine bestimmende Rolle in der Programmdramaturgie.
Und im Branding ist geglückt, was als Quadratur des Kreises der Mathematik versagt blieb: Der fürstliche Würfel wurde durch die Bachgesellschaft zur historischen Emanation der Kugel. (Es soll sogar Menschen geben, denen der – ganz sicher und fix von der Konditorei auf Anregung von Albert Hartiner kreierte – Bachwürfel lieber ist, als die Mozartkugel mit ihrer umstrittenen Herkunft).
Der Bachchor sollte über die Jahrzehnte sein Eigenleben entwickeln. Und die Bachgesellschaft profilierte sich mit ihren Ensembles als Ausübende, als Veranstalterin von Konzerten mit internationaler Prominenz und mit ihrem Engagement für den Nachwuchs.
Bemerkenswert daher, dass das Jubiläumskonzert zum Fünfziger unter dem Motto Affetti Musicali am Freitag (9.1.) im Carabineri-Saal der Alten Residenz vor allem mit heimischem Personal vonstatten ging: Es sangen die Solistinnen und Solisten des Collegium Vocale Salzburg und es spielte das Salzburger Barockensemble unter der Leitung der Dirigentin und Blockflötenvirtuosin Dorothee Oberlinger.
Im Zentrum stand der Großmeister der Klangrede, Claudio Monteverdi. Gleich zu Beginn ein Madrigal auf einen Text Petrarcas, Hor che il ciel e la terra. Das nächtliche Schweigen der Welt findet sich umgesetzt in eine fahle Klangfläche der 6 Stimmen, erste Bewegung beim Wort Notte – Nacht. Großer Kontrast in der zweiten Strophe, wenn der Wachende in Liebespein zu rasen beginnt. Doch auch hier gibt es süße Plagen auszukosten, bevor wieder zorniger Krieg ausbricht. Solistisch geführtes Strömen in Strophe drei mit einer an Gesualdo erinnernden Chromatik im Steigen des Quells dieser Zustände. Schließlich wird die Überspanntheit des Liebesleidenden im Orchesterrausch überhöht.
Das Orchester. Herrlich, wie selbstverständlich heute alles daherkommt. Ein stilsicheres Continuo mit Cembalo/Orgel (Max Volbers) und Theorbe (Sophie Esterbauer), Violone (Martin Hofinger) und Viola da Gamba (Luke Challinor). Der flexible Einsatz der Geigen (Monica Todt, Sofia Hein) und ein ausgefuchster Zink (Matthijs Lunenburg) ermöglichen wandlungsfähiges Musizieren. Reizvoll, dass Felix Gutschi auf einmal zwei weitere Partner auf der Blockflöte hat, wenn Salomone Rossis Sinfonia in Ecco erklingt. Denn zwei brauchts vorne zum Zusammenspiel und einen hinten fürs Echo. Durch Marco Uccelinis La Bergamasca fetzen sich die Solisten unerschrocken quer durch. Desgleichen Tarquinio Merulas Ciaconna und einen instrumentalen Monteverdi, der das berühmte Lamento della ninfa ohne Pause attacca folgt.
Zur Begleitung des Vokalensembles legen die Instrumentalisten farbige Paletten an und bringen Linien zum Glänzen. Kleine Oper im Combattimento di Tancredi e Clorinda nach dem Text Torquato Tassos. Die Hauptarbeit liegt beim Erzähler (Virgil Hartinger), der innerlich und musikalisch bewegt den Kampf schildert und kommentiert, den Tancredi (Benjamin Sattlecker) und Clorinda (Ekaterina Krasko) ausfechten. Ein Happy End aus Kreuzfahrer-Sicht: Sie lässt sich selig von ihm taufen.
Das konträre Frauenbild dazu liefert Ballo delle ingrate nach einem Text Rinuccinis. Hier rennen Amor (Jonathan Mayenschein) und Venus (Tamara Obermayr) zu Pluto (Sreten Manojlovich) in die Unterwelt, um Schatten von Damen empor zu holen, die sich der Liebeserfüllung verweigert hatten. Natürlich als abschreckendes Beispiel für ähnlich gelagerte Fälle heroben. Lucia von Egmond und Yvonne Douthat dürfen ihr selbst verschuldetes Los ausreichend beklagen. In beiden Werken also ein Frauenbild, dem heute mit energischem Vorbehalt begegnet würde. Dafür reiche Barock-Gestik. Den Reigen an Madrigalen vervollständigen Kompositionen von Orazio Vecchi, Stefano Bernardi, Tiburtio Massaino und Pietro Lappi. Des letzteren Stück heißt La Pen(t)olaccia. Dies ist italienisch für eine Piñata, eine solche wird in Italien gerne zu Feierlichkeiten wie Geburtstagen zerschlagen, wie der Stern auf der Bühne... Alte Musik darf endlich Spaß machen. Der alte Bierernst hat zur Freude aller ausgedient.
Bilder: Salzburger Bachgesellschaft / Franz Neumayr