LANDESTHEATER / CARMEN · ROSA · BOLERO

29/10/25 Zwei Choreografen, eine Choreografin. Drei facettenreiche Ballettaufführungen von der Neoklassik bis zur Moderne an einem Abend bringt das Landestheater mit der dreiteiligen Tanzproduktion Carmen · Rosa · Boléro.

Von Brigitte Janoschka

Valentina Turcu choreografierte Carmen auf die Musik von Rodion Schtschedrin. Boléro von Maurice Ravel ging in der Choreografie von Yonggeol Kim über die Bühne. Reginaldo Oliveira, der leitende Choreograf am Salzburger Landestheater, legte dem Stück Rosa Lieder der spanischen Sängerin Rosalía Vila Tobella zu Grunde.

Die drei Produktionen entführten das Publikum in drei stilistisch, musikalisch und gestalterisch ganz verschiedene Welten. Der rote Faden des Tragens und Getragen-Werdens, der ausdrucksstarken Körpersprache im Tanz, sowie der Leichtigkeit der Bewegungen zieht sich verbindend durch den Abend der Gefühle und Ekstase.

Handlung und Melodien von Carmen sind bekannt. Doch die Instrumentierung der Suite aus der Feder von Rodion Schtschedrin unterscheidet sich stark von Georges Bizets Oper, besonders durch 24 Schlaginstrumente. 

Die Tänzerin Valbona Bushkola als Carmen strahlt nicht nur Erotik aus, sie zeigt vor allem Selbstbewusstsein und Eigenständigkeit. Sie will nicht nur Don José, getanzt von Lucas Leonardo (die Nebenhandlungen und Verstrickungen der Oper gibt es nicht) sondern auch den von Quinn Roy getanzten Torero. Diese Carmen will sich nicht nur an einen Mann binden, und bezahlt ihr Unabhängigkeitstreben mit dem Tod. Der verzweifelte Don José, innerlich zerrissen zwischen Liebhaber und Mörder, legt ihren Leichnam auf ein Bett von Rosenblüten.

Die aus Kroatien stammende Valentina Turcu  steht für Handlungsballette und choreografisch poetisches Erzählen. Die Akrobatik in den Pirouetten, Hebungen und Sprüngen ist nicht nur dekorativ, sondern trägt mit dramatischer Körpersprache zum Fortgang des Geschehens bei.

Riesige Tische im Bühnenbild von Dinka Jeričevič dienen zunächst den Tabakarbeiterinnen für ihre Arbeit. Auf der Schmalseite aufgestellt, werden die bemalten Tischplatten zu Wänden der Gefängniszelle für Carmen, nachdem sie Fernanda, getanzt von Anna Yanchuk, im Streit verletzt hat... Und so wird die literarische Figur der Carmen aus der Novelle von Prosper Mérimée (1803-1870) zur Opern-Heldin bei Bizet und zur späteren Rebellin bei Schtschedrin. In Valentina Turcus Choreografie ist eine vielschichtige moderne Frauengestalt zu bewundern.

Reginaldo Oliveira konnte zu seiner eigenen Premiere von Rosa nicht anwesend sein, da er im Theatro Municipal in Rio de Janeiro die Premiere seines Balletts Frida Kahlo hatte – also zwei Premieren auf zwei Kontinenten am gleichen Abend (wie Armin Frauenschuh berichtete). Reginaldo Oliveira erzählt mit seinem Ballett Rosa keine lineare Geschichte, sondern zeigt eine emotionale Seelen-Landschaft mit frei bleibenden Assoziationen für die Zuschauer. Seine Figur ist, wie die Sängerin Rosalía eine Rose mit Dornen, eine Figur mit Narben, „die wir nicht verbergen sollen, denn diese machen uns einzigartig“, wurde der abwesende Choreograf zitiert.

Inhaltlich basiert das Ballett auf einigen Songs von Rosalía, wie etwa die Nummer Malamente. Eine herausragende solistische Rolle hat Mikino Karube, die mit nacktem Oberkörper tanzte. Die von allen getragenen weiten roten Hosen stehen wohl für die Gleichheit aller Menschen im Fühlen und im Ausdruck. Rosalía verbindet in ihren Songs die Tradition des Flamenco mit Hip Hop und Popkultur. Ihre Kunst steht für die stilistische Freiheit und für die Kraft der Musik, kulturelle Grenzen zu überwinden. Mit manchmal abgehackten Tanzbewegungen mit unbeweglichem Oberkörper, mit, von einer Hand verdeckten Gesichtern oder Zuckungen, Daumenlutschen oder Zunge-Rausstrecken stellen die Tänzer Verletzlichkeit dar. Gleichzeitig laden sie ein zum Mitfühlen und zum Wachsen an den herausfordernden Erfahrungen.

Das aufbauende Crescendo der Motivwiederholungen im Boléro von Maurice Ravel endet in einer orgiastischen Entladung. Der Choreografen Yonggeol Kim will damit auch das Durchlaufen der Zeit darstellen. Das Konzept entwickelt sich in großartigen Tanzbewegungen und akrobatischen Figuren, Symbol für den Wunsch des Menschen, das eigene Leben in Freiheit in die Hand zu nehmen. Grandios! Ganz großes Ballett.

Carmen · Rosa · Boléro – Aufführungen im Landestheater bis Juni 2026 – www.salzburger-landestheater.at
Bilder: LT / Christian Krautzberger