LANDESTHEATER / BALLHAUS. EIN SOMMERNACHTSTRAUM

08/02/26 Manchmal muss man einfach runter vom hohen Ross. Im Ballhaus heißt's nicht lang zögern. Einfach mitmachen, wenn sich die Sitznachbarn, wild entschlossen sich zu amüsieren, herzhaft auf die Schenkel klopfen!

Von Reinhard Kriechbaum

Wenn man am Premierenabend in die Runde blickte, entdeckte man freilich auch einige nachdenkliche Gesichter: Der G'spaß, der da im Salzburger Landestheater zweieinhalb Stunden auf einen einprasselt, liefert schon viel Anlass zum Fremdschämen.

Vierhundert Jahre Ballhaus, daran gilt's zu erinnern. Santino Solari hat fleißig gebaut in Salzburg, dieser Insel der Seligen während des Dreißigjährigen Kriegs. Es galt den Dom fertigzustellen und die Stadt vorsorglich zu befestigen. Die Universität war in Gründung und brauchte ein Gebäude. Nicht zu vergessen Schloss Hellbrunn. Und eben – davon ist freilich nichts mehr vorhanden – das Ballhaus an der Stelle des heutigen Landestheaters. Eine Mehrzweckhalle für Sport und Kultur, täte man heute sagen.

Santino Solari ist die Hauptfigur in dem am Samstag (7.2.) im Landestheater uraufgeführten Stück Ballhaus. Ein Sommernachtstraum. In einen solchen träumt sich der Hofbaumeister hinein und aus ihm auch wieder hinaus... Der viel gefragte John von Düffel hat's geschrieben. Gefühlt jedes Theater führt Stücke von ihm auf. Und jedes, das ernsthaft auf sich hält, gibt bei ihm ein Stück in Auftrag.

Im Verschneiden klassischer Stoffe hat John von Düffel bewundernswerte Fingerfertigkeit. Erst kürzlich lief im Schauspielhaus Salzburg seine Molière-Paraphrase Der Geistige. Man könnte ihn das Liebesleben der Nacktschnecken vor dem Hintergrund von Dantes Göttlicher Komödie beschreiben lassen: Es würde Bühnentaugliches herauskommen. Salzburger Ballhaus und Ein Sommernachtstraum – eine Handgelenksübung für John von Düffel.

Alle möglichen Shakespeare-Figuren sind da: Egeus (Maximilian Schmiedl), ein „Baulöwe“, will mit dem Eröffnungsfest des Ballhauses auch gleich die Hochzeit seiner Tochter Hermia (Sophia Borchhardt) verbinden. Die Politikerin Demetria (Naomi Kneip) wäre die Kandidatin – John von Düffel traut dem erzkatholischen Salzburg eine Regenbogen-Offenheit zu, die noch heute kaum durchginge. Ist wahrscheinlich als Ironie gedacht. Hermia ihrerseits ist in den "Hochzeitsplaner" Lysander (Aaron Röll) verliebt. Und der „Schöne Heleno“ (Maximilian Paier) läuft seinerseits Demetria hinterher. Wie wir alle wissen, sorgt Puck (Nikola Jaritz-Rudle) für allerlei Verwicklungen.

Zu einem Sommernachtstraum gehört natürlich die Handwerkertruppe. Da hat Georg Clementi als Squenz mit wüstem Südtiroler Zungenschlag das Sagen. Christoph Wieschke (Zettel) sächselt und sinniert mit Ambition, wie er wohl den Löwen anlegen wird. Er ist aber dann – netter Einfall, ihm eine Karotte ins Maul zu stecken – bloß der Esel. Matthias Hermann ist Schnauz, die Mauer. Larissa Enzi wirbelt als Trainerin herum und als Tennis-Titanin wird sie zum Double der tanzenden Titania (Valbona Bushkola), die ihrerseits Ben van Beelen als Oberon zur Seite hat.

Ja, der Tanz: Die Choreographien von Reginaldo Oliveira und Kate Watson sind ein gutes Korrektiv zur überdrehten Knallchargen-Parade drumherum. Jedes Mal, wenn man knapp davor ist, sich der Ultra-Lustigkeit durch Davonlaufen zu entziehen, kommt das Ballett auf die Bühne und bringt einen Hauch von jener Poesie ein, die man sich für den Sommernachtstraum eigentlich wünscht.

Die Regie hat Carl Philip von Maldeghem zu seiner, zur Chefsache erklärt. Man kann ihm gewiss nicht vorwerfen dass er nicht typengerechte, deftige Charaktere gezeichnet hätte. Er kennt sein Ensemble, und so sind eine jede und ein jeder ganz nach individuellem Vermögen besetzt. Die Spiellaune rundum ist schier ungebremst. Von der Poesie, die im gereimten Text wohl angelegt wäre, bleibt freilich nicht viel bei all den Übertreibungen.

Am ehesten hat Gregor Schulz eine Chance, der als schlacksiger Santino Solari voller Verwunderung betrachtet, was da alles los ist in seinem etwas zu klein gebauten Ballhaus (die Enge hat sich bekanntlich bis zum Nachfolgebau von Helmer & Fellner nicht geändert). Sechzehneinhalb statt zwanzig Schritt – muss reichen fürs provinzielle Salzburg. Das hat John von Düffel gut beobachtet.

Im übrigen: Im Ballhaus waren abends die Komödien daheim. Fürs hehre und moralische Theater waren die Benediktiner drüben in der Universität, in der großen Aula zuständig. Insofern ist der Dauerklamauk dieses Abends auf der rechten Seite der Salzach vielleicht sogar stimmig.

Tagsüber eben der Sport! Als Vorspiel, während das Publikum die Plätze einnimmt, hat man sich Kooperationen mit Salzburger Sportvereinen ausgedacht. Judo, Boxen, Turnen, American Football, Frauenfußball, Salsa, Breakdance und anderes wird man da in den nächsten Monaten sehen können. Am Premierenabend ging es um Capoeira. Gut, dass es Google-KI gibt. Jetzt weiß auch der Schreiber dieser Zeilen, dass das ein stilisierter Kampfsport ist und aus Brasilien kommt. Es hat mit dem Sport im ehemaligen Ballhaus ungefähr so viel zu tun wie Sushi mit Salzburger Nockerln.

Aufführungen bis 9. Juni 2026 – www.salzburger-landestheater.at
Das Buch zum Jubiläum „ 400 Jahre Theater am Mirabellgarten – 400 Theatermenschen“ ist im Kartenbüro des Salzburger Landestheaters oder über service@salzburger-landestheater.at erhältlich
Bilder: SLT / /Tobias Witzgall
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