FESTSPIELE / CAMERATA / KOPATCHINSKAJA

20/07/26 Wie viele Tempoveränderungen in Beethovens Sechster Symphonie, der Pastorale, doch möglich sind! Da ein vehementes Antauchen, mit schier unbremsbarer Sprungenergie vorgegeben von Patricia Kopatchinskaja am Konzertmeisterpult. Dann wieder scharf einbremsende Momente und ungewohnt gedehnte Generalpausen.

Von Reinhard Kriechbaum

All das aber geschah nicht der Originalität willen. Es wurden am jeweiligen Endpunkt dieser eminent heftigen Rubati Details hörbar, auf die man erst mit der Nase (oder eben mit den Ohren) gestoßen werden muss: Kleine Motive als Vogelrufe, die man so deutlich in der Pastorale noch nicht vernommen hat. Gleich vorweg: Es war eine große Stunde auch für die Camerata Salzburg, die man schon lange nicht mit solcher Verve, so reaktionsschnell und mit kammermusikalischer Alertheit hat musizieren hören. Da hat die Geigerin Patricia Kopatchinskaja die rechten Mitstreiter und diese haben in ihr den rechten Lockvogel gefunden.

Dass man für dieses Konzert am frühen Sonntagabend (19.7.) das Haus für Mozart wählte, hatte einen guten Grund. Es war eigentlich eine szenische Umsetzung eines ehrgeizigen Projekts unter dem Motto Les adieux (freilich ohne Beethovens namensgebende Klaviersonate). Patricia Kopatchinskajas bedrückend richtige Beobachtung: Von jener Natur, die Beethoven noch geläufig war, haben wir uns schon längst verabschieden müssen. Zu Wachtel fallen uns bestenfalls Eier als kulinarische Spezialität ein, wogegen kaum jemand jemals den von Beethoven nachkomponierten „Wachtelschlag“ en natura vernommen hat.

Folgerichtig hat sie den idyllisierenden fünften Satz der Pastorale weggelassen und durch den Trauermarsch aus der Eroika ersetzt. Über dem Orchester ausgespannt war eine große Stoffbahn in effektvollem Faltenwurf, und da zogen in einer Art Prozession Tiere (in Darstellungen aus einem Buch aus dem 16. Jahrhundert) vorbei, die – soweit nicht ausgestorben – heutzutage zumindest auf der Liste akut bedrohter Arten stehen. Aber auch schon vorher gab es „Breaking news“, multimediale Interventionen in der Beethoven-Symphonie: Video-Zusammenschnitte von verunreinigten Gestaden und Gewässern beispielsweise, oder von der Rodung von Regenwäldern. Bonjour tristesse.

Abschied von der heilen Welt auch auf anderer Ebene in einem Programm, in dem ganz disparate Dinge pausenlos zu einem nicht nur Nachdenklichkeit, sondern Trübsinn hervorrufenden Ganzen verwoben wurden: Fürs Thema aus den Geistervariationen von Schumann setzte sich Patricia Kopatchinskaja sogar ans Klavier, griff dann wieder zur Geige, um den langsamen Satz aus dem Violinkonzert d-Moll zu spielen. Das ist eines der letzten Orchesterwerke Schumanns. Dann ganz anders geartete Bekenntnismusik, die bedrückende Passcaglia aus dem Violinkonzert Nr. 1 op. 77 von Schostakowitsch, das in eine aberwitzige Kadenz mündet. Diese hat die Geigerin mit der Tonbandkomposition Ricorda cosa ti hanno fatti in Auschwitz verschnitten, die Luigi Nono 1965 aus Klangmaterial eines Kinderchors und einer Sopranistin montiert hat.

Da senkte sich das Riesentuch, ließ das Orchester und die Geigerin quasi verschwinden, während aus dem Saal plötzlich geheimnisvolle Bläsertöne drangen: Abraham Cupeiro, ein Instrumentenbauer und Musiker, ist mit einem Karnyx auf die Bühne gekommen, einer gut zwei Meter langen metallenen Naturtrompete aus keltischer Zeit. Der Karnyx wirkt mit seinem Fisch- oder Drachenkopf wie ein magisches Urwesen. Im Lauf der Geschichte hat man eben auch von mancher Musik, von manchem Musikinstrument Abschied genommen.

Ausstattung (Lani Tran-Duc), Video (Tabea Rothfuchs, Ruth Stofer), Lichtdesign (Markus Güdel), Sounddesign (Katharina Pelosi) und eben Patricia Kopatchinskajas individuelle „Seelenmusik“ – daraus ist ein höchst eindringliches, ob des Charismas fesselndes Gesamtkunstwerk geworden, von dem das Publikum merklich beeindruckt war. Danach längere, betroffene Stille als bei den Festspielen gewohnt. Und dann doch die verdienten Standing ovations. Ein ganz besonderer Abend in der Ouverture spirituelle.

Und a propos Abschied: Patricia Kopatchinskaja  ergriff zuletzt noch das Wort und bedankte sich „von ganzem Herzen“ bei Markus Hinterhäuser dafür, dass er in seiner Intendanten-Zeit eben solche Projekte wie dieses ermöglichte. Auch da hat ihr das Publikum, nicht weniger von Herzen, zugestimmt.

Bilder: SF / Marco Borrelli