FESTSPIELE / JORDI SAVALL
02/08/25 Der Alte Musik-Guru Jordi Savall mit Le Concert des Nations im Einsatz für Franz Schubert. Das Konzert am Freitag Abend (1.8.) im Haus für Mozart hinterließ gemischte Gefühle.
Von Horst Reischenböck
In den 1980er-Jahren hat Jordi Savall das Orchester Le Concert des Nations gegründet, um sich Literatur abseits der lange gepflegten „Alten“ Musik, also auch jüngeren Werken und solchen in größerer Besetzung hingeben zu können. Als erstes hatte sich der Katalane – er ist vor wenigen Tagen 84 geworden – Wolfgang Amadé Mozarts letzter sinfonischer Trias zugewandt. Das Projekt aller Sinfonien Ludwig van Beethovens verhinderte vorerst die Pandemie, unterdessen hat man Savalls Beethoven-Lesart aber auch bei den Festspielen hören können. Inzwischen hat Savall den Bogen bis Anton Bruckner gespannt. Diesmal Schubert, die Unvollendete in h-Moll D 759 und die „große“ C-Dur-Sinfonie D 944 (seinerzeit als 8. und 9. Symphonie gezählt, nun umgekehrt nummeriert).
Vor der Pause also die beiden vollendeten Sätze des aus unerfindlichen Gründen nicht weiter geführten h-Moll-Werks. Aus der Tiefe von vier Kontrabässen heraus wurde trotz moderatem Tempo der Allegro-Kopfsatz in immer dramatischere seelische Eruptionen hinein gesteigert. Deren Aussagen dürften Hörer zu des Komponisten Lebzeiten wohl weidlich überfordert haben. Das war schön modelliert im originalen Klangbild der Bläser. Die anschließend lichteren Gefilde im Andante, schreitend und friedfertig, wirkten ähnlich exquisit formuliert.
Disparater Savalls Sicht auf das C-Dur-Opus. Indem er alle Wiederholungszeichen tatsächlich ernst nahm, bekam man eine Vorstellung von Robert Schumanns Aussage nach der posthumen Uraufführung über die als solche empfunden „himmlischen Längen“. Das kann freilich auch nervtötend wirken und führt unweigerlich zur Frage, ob all die Doppelpunkte tatsächlich je so zur Ausführung gekommen sein mochten.
Schubert hat sich wohl nicht vorgestellt, dass das Hornduo seinen das Andante einleitenden Ruf als Signal stehend in den Saal schmettert. Dies war der Auftakt eines Pauken-akzentuierten Kampfes und nicht eine beglückt positiv tönende Schilderung der Kutschenfahrt von Gmunden nach Gastein, wie man in Schuberts Schilderung seiner Reiseeindrücke nachlesen kann. Die Vorschrift „ma non troppo“ im Allegro wurde unter den Tisch gewischt. Das nachfolgende Andante mit jedem Paukenschlag wie ein Gewehrschuss opferte die aufgebaute Spannung konträr dem Schrecken eines Innehaltens mit Pausenzäsur.
Im glutheißen Katalonien mag Reisen ja möglichst zügig angeraten sein, Schuberts Ideen waren aber gewiss meilenweit davon entfernt, wie Savall das aus den Noten liest. Nach dem gut viertelstündigen Scherzo von Beethoven’scher Ausdehnung bäumte sich auch das finale Allegro vivace immer wieder und noch einmal gegen den Strich gebürstet einem endlich erwarteten Ausklingen gegenüber auf. Das provozierte freilich einen Beifallssturm. Franzl, schau oba!
Bild: SF / Marco Borrelli