FESTSPIELE / WERTHER

30/07/26 Vier konzertante bzw. semi-konzertante Opern kann man in diesem Festspielsommer erleben. Am Mittwoch (29.7.) begeisterten Alain Altinoglu am Pult von Belgiens Orchestre symphonique de la Monnaie / Symfonieorkest van de Munt und eine, gebührend aufwändigen Vokalangebot im Großen Festspielhaus mit Werther von Jules Massenet.

Von Horst Reischenböck

Jules Massenet ist bei uns selbst Opern-Vertrauten leider kaum mehr gegenwärtig. Dabei eignen gerade seiner Umsetzung des auf Johann Wolfgang von Goethes Briefroman basierendem, vieraktigem Drama lyrique in fünf Bildern besondere Österreich-Bezüge. Es wurde, wohl des letalen Inhalts wegen, vorerst in Paris abgelehnt und deshalb am 18. Februar 1892 in Wiens kaiserlich-königlichem Hoftheater uraufgeführt. Wie damals üblich in deutscher Sprache. Das Libretto von Édouard Blau, Paul Milliet und Georges Hartmann hat zu dem Anlass Johannes Brahms’ enger Freund und Parteigänger Max Kahlbeck übersetzt. Das französische Original wurde nach dem durchschlagenden Erfolg in Wien am 27. Dezember desselben Jahres in Genf nachgereicht.

Massenet, der seine Bühnenwerke gleichsam aus dem Ärmel schüttelte, wähnte sich selbst ob seiner eigenen Musik für den Werther als „Liebling Gottes“. Von Richard Wagner war er zumindest indirekt beeinflusst, indem er sich nach Erleben von dessen Parsifal in Bayreuth dessen Leitmotiv-Technik bediente.

Diese zieht sich von dem durch Alain Antinoglou mit dem klanglich exzellent disponierten Orchester engagiert umgesetzten Prélude bis in den vierten Akt, der von einem effektsicher illustrierenden Einsatz der Windmaschine eingeleitet wird und in dem kurz gebündelt, Kennern jedoch klar nachvollziehbar, nacheinander das Leidenschaft- und das Naturthema erklingen. Später folgt noch das Mondscheinthema – es charakterisiert Werthers geliebte Charlotte – ihrem entsetzten Schrei und Werthers finalem Suizid.

Massenet hat die Partitur, auch da von Wagner inspiriert, in einem Fluss durchkomponiert, ohne große Ensembles, mit nur wenigen expliziten Duetten oder Arien. Eine Ausnahme ist da allein Werthers so berühmtes Pourquoi me réveiller, vom glühenden Tenor Benjamin Bernheim in allen dynamischen Facetten so vollmundig, aber auch introvertiert wie nachhaltig gestaltet, dass er nach dem stürmisch aufbrausenden Beifall im Einverständnis mit Dirigent Antinoglou dessen Melodie geradezu logischerweise wiederholen musste. Solches war ja auch früher die Praxis, als Werther noch zum Repertoire-Kanon der Opernhäuser rechnete. Bernheim scheint einfach der ideale Werther unserer Tage, als der er schwerelos schwebend bis ins hohe ais hinein falsettiert und dynamisch ausdrucksvoll differenzierend bruchlos alle Register dahin schmelzend charakterisiert und gestaltet. Übrigens will man kaum glauben, dass Massenet diese Partie zehn Jahre später auch noch für Bariton adaptiert hat.

Das vornehmlich maskulin dominierte Aufgebot begann schon eindrucksvoll mit dem einst am Mozarteum ausgebildeten Manuel Winckhler als La Balli (alias väterlichem Amtmann) zusammen mit den frischen Stimmen des Sextetts aus dem Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor, das immer wieder die anstehende Weihnacht anklingen ließ. Genauso Tomislav Jukić und Andrew Moore, die befreundeten Schmidt und Johann, sowie Andrey Zhilikhovsky als Charlottes Gatte Albert.

Optisch farblichen Kontrast steuerte vorerst Sandra Hamaouis bei, deren jugendlicher Sopran vorzüglich Charlottes kindlicher Schwester Sophie entsprach. Jene wiederum gestaltete Adèle Charvet intensivst (anstelle von Marianne Crebassa), beeindruckte stimmlich und ausdrucksvoll und auch optisch nach der Pause durch Wechsel ihrer Gewandung zu schwarz-glitzernd samt high heels, die zum Zeitpunkt der Handlung im 18. Jahrhundert eigentlich allerdings eher noch unbekannt gewesen waren.

In Charlotte verdichtete Goethe einst eigene hoffnungslose Liebeserfahrungen mit Maximiliane von La Roche oder Lotte Buff. Karl Wilhelm Jerusalem wiederum regte als Selbstmörder Goethe noch vor Faust zu seiner Dichtung an, die Madame de Staël zum Ausspruch veranlasste, Werther habe „mehr Selbstmorde provoziert als die schönste aller Frauen.“ Solche provoziert Massenets Veroperung aus mittlerweile zeitlichem Abstand heutzutage hoffentlich nicht mehr – dafür wurden alle an dieser Interpretation so engagiert Beteiligten rechtens mit stürmischen Standing Ovations bedankt und gefeiert.

Wiederholung am Samstag (1.8.) um 19 Uhr im Großen Festspielhaus – www.salzburgerfestspiele.at
Bilder: SF / Marco Borrelli