MOZARTEUMORCHESTER / CARYDIS / GOMYO
27/04/06 Beide weilten sie schon bei uns zu Gast: Dirigent Constantinos Carydis und Geigerin Karen Gomyo. Bei der vierten Sonntagsmatinee begeisterten sie im Großen Festspielhaus mit Sibelius' Violinkonzert. Anschließend stand Tschaikowskys Vierte auf dem Programm.
Von Horst Reischenböck
Jean Sibelius hinterließ eigentlich zwei Violinkonzerte. Die Urfassung seines Konzerts für Violine und Orchester d-Moll op. 47 von 1904 zog er nämlich nach der missglückten Premiere in Helsinki zurück. Mutmaßlich, weil der eher unzulängliche Solist der Aufgabe nicht gewachsen war. Wie manch anderes revidierte Sibelius das Werk gravierend. Er strich allein aus dem Kopfsatz fast fünfzig vor allem technisch anspruchsvolle Takte – hin zur heute gebräuchlichen um fünf Minuten kürzeren Version.
Ihr Zustandekommen zur weniger dramatischen und nicht so dunkel-massiven Orchestrierung dauerte fast ein weiteres Jahr. Konträr zum ursprünglichem Urteil, es werde „kein Glied in der Kette wirklich bedeutender moderner Schöpfungen in dieser Kunstform sein“, geriet das Konzert dennoch zu einem der meistgespielten und erfolgreichsten des vorigen Jahrhunderts. Für Solisten auf alle Fälle dankbar! Das wurde am Sonntag (26.4.) im Großen Festspielhaus erneut bewiesen.
Grundiert von zartest raunenden Streichern zu Beginn sandte die Japanerin Karen Gomyo, die nach Absolvieren der Juillard School in New York nun in Berlin lebt, wie gefordert dolce und espressivo zarte Töne ihrer Geige in den Raum. Dynamischer akzentuiert (und nach Tausch ihres Instruments mit jenem des Konzertmeisters) endete sie virtuos das rhapsodisch aufgebaute Allegro moderato. Um sich danach im Adagio lyrisch der Holzbläser-bestimmten romantischen Schilderung finnischer Landschaft hinzugeben.
Nach dem rhythmisch entsprechend akzentuierten „Danse macabre“ des wirbelnden Finales und dem logischerweise folgendem Beifallssturm, erinnerte Karen Gomyo mit einer elegischen Tango Nuevo-Zugabe von Astor Piazzolla an die von ihr als Interpretin auch diesbezüglichen gepflegten Verbindungen.
Wurde schon Finnlands Musik erst relativ spät mit Sibelius eigenständig, so zeitigte kurz vorher auch Pjotr Iljitsch Tschaikowsky erst durch seine von Fatalismus geprägt Trias ein tatsächliches Erwachen russischer Sinfonik. Die Wiedergabe seiner Symphonie Nr. 4 f-Moll op. 36 am Sonntagvormittags dünkte nach dem schön ausgewogenen Vorangegangenem in Summe allerdings gelinde gesagt etwas merkwürdig.
Ließ Constantinos Carydis das Schicksalsmotiv in Breitband-Stereo wuchtig und eindrücklich vom Hornquartett zu Trompeten, Posaunen, Tuba hinübertragen, versenkte er sich leidenschaftlich in die schmerzerfüllte Lethargie des Gesangsthemas und das subtil ausgekostete Andantino, so irritierte das nachfolgende Pizzikato-Scherzo, dessen Tempo er fast schon ins Prestissimo hinein trieb. Gefolgt vom ebenso förmlich explodierenden – anstatt nur wie vorgeschrieben feurigen – Vulkan des Finales, dem Carydis zum Schluss noch ein kaum mehr Durchhören ermöglichendes Schäuferl nachlegte.
Das entsprach vielleicht seinem griechischem Temperament, wurde von allen Beteiligten auch mit letztem Einsatz exekutiert, war aber ideellem wie emotionalem Inhalt nicht zuträglich! So gilt das Lob allein dem Mozarteumorchester, das sich Carydis fordernden Händen und Armen so willig fügte. Richard Strauss, der einst Sibelius’ Violinkonzert leitete, schrieb ins Stammbuch: „Am besten wird musiziert, wenn man ganz ruhig vor sich hin dirigiert. Je kürzer aus dem Handgelenk heraus die Zeichengebung, desto präziser die Aufführung ... Die linke Hand hat mit dem Dirigieren nichts zu tun, sie gehört am besten in die Hosentasche.“
Bild: MOS / Gabrielle Revere