MARIONETTENTHEATER
09/09/26 Die Festspiel-Produktion von Igor Strawinskys Die Geschichte vom Soldaten, eine Kooperation mit dem Salzburger Marionettentheater, war nicht zuletzt wegen des prominenten Ausstatters höchst bemerkenswert: Georg Baselitz.
„Die Marionette und ihr Spieler geigen, was das Zeug hält. Sie musizieren exakt im Rhythmus der Geigenstimme, die Isabelle Faust vor der Bühne virtuos in den Raum fegt“, hieß es in der unserer Premierenbesprechung. „Der Trommer trommelt. Der Geiger geigt. Der Trompeter trompetet. Aber die Musiker, die da auf der Bühne miteinander swingen, performen und sich ins Zeug legen wie im Jazzclub – diese Erzmusikanten sind Marionetten. Igor Strawinskys Musik spielt ein handverlesenes Solistenensemble um die Geigerin Isabelle Faust. Dominique Horwitz als rhythmisch quasi mit-musizierender Sprecher gibt jeder Figur in der archaischen Geschichte von Charles Ferdinand Ramuz in der deutschen Nachdichtung von Hans Reinhart Profil und Charakter.“
Die aus dem russischen Märchenschatz stammende Geschichte geht um einen desertierten Soldaten, den Teufel, eine Geige und eine Königstochter. Wenn der Teufel im Spiel ist, nimmt das Märchen selten einen guten Ausgang — so auch hier. Die Uraufführung der Histoire du soldat 1918 in Lausanne markierte nicht nur einen wichtigen Moment in der Schweizer Theatergeschichte des 20. Jahrhunderts, sondern machte sie zu einem Schlüsselwerk der musikalischen Moderne. Es stand schlecht um die Wirtschaft am Ende des Ersten Weltkriegs, und so musste sich auch Strawinsky bescheiden, was die Orchesterbesetzung betraf. Die ursprüngliche szenische Grundidee, von Jahrmarkt- und Wandertheater inspiriert, lässt an Moritaten- und Bänkelsänger denken.
„Das Marionettentheater wird womöglich einen eigenen Safe-Room brauchen – wer hat schon Ausstattungsstücke von einem der größten Meister der Gegenwartskunst im Fundus“, vermutete Heidemarie Klabacher angesichts der von Georg Baselitz entworfenen, „vielgliedrigen, vielfach beweglichen, geradezu lebendigen Puppen“, die aussehen „wie von geschickten Kindergartenkindern aus Klopapier-Rollen gefertigt“ und im Vergleich „jeden Tänzer steif ausschauen“ lassen.
Tatsächlich hat man auf die Figuren, die nach Baselitz' Entwürfen von Leonhard Winkler realisiert wurden, gut aufgepasst und kann sie jetzt wieder hernehmen. In den nächsten Wochen geht das Salzburger Marionettentheater damit auf Tournee nach Deutschland, in die Niederlande, nach Belgien und Luxemburg. Es ist auch die menschliche Originalbesetzung dabei – also das Kammerorchester um Isabelle Faust und der Sprecher Dominique Horwitz.
Von Georg Baselitz stammen auch die so delikaten wie sprechenden Hintergrundbilder – feinste Zeichnungen. „Understatement auf Leintüchern“, hieß es in unserer Besprechung. Die Marionetten stehen natürlich nicht auf dem Kopf – die 180-Grad-Drehung ist ein Markenzeichen der Porträts von dem im Frühjahr 2026 verstorbenen Georg Baselitz. Ihm gelten derzeit zwei Ausstellungen im Museum der Moderne, sowohl auf dem Mönchsberg als auch im Rupertinum. (Marionettentheater/dpk-krie)