GRAZ / LA STRADA
04/08/26 Das Festival La Strada in Graz: Das ist eine Mischung aus Straßenkunst und Nouveau cirque, und auch die Stadt selbst und das Verhalten ihrer Bewohner sind immer ein Thema. Ein Beispiel: eine Performance mit Material aus dem Altkleidercontainer.
Von Reinhard Kriechbaum
Das Tor geht auf, und ein Carla-Lieferwagen schiebt rückwärts herein. Unzählige Säcke mit Altkleidern sind bereit zum Abladen. Man glaubt gar nicht, wie viel in einem solchen Auto Platz hat. Dabei sind es nur die Säcke von drei Sammelcontainern. 318 betreibt allein die Caritas in der Steiermark.
Mit dem Abladen und Sortieren beginnt die Performance Worn Out? des niederländischen Kollektivs Zwermers. Sie sind schon zum dritten Mal Gäste beim Grazer Straßenkunstfestival La Strada. Unser Umgang mit Kleidung ist Thema dieser Performer. In diesem Fall, in der einstigen Abholhalle einer stillgelegten Leiner-Filiale nahe dem Bahnhof, ist die Frage: Was kommt so zusammen im Kleidercontainer? Ein Sack ist voll mit Verbandmaterial und Wund-Tupfern. Ist der Patient verstorben, der das benötigte? Kinderkleidung natürlich zuhauf. Aus einem Plastiksack holt einer der neun Performer Büstenhalter sonder Zahl. Da hat sich eine Dame wohl ordentlich befreit.
Wenn das Gewand einigermaßen auf Haufen sortiert sind, beginnt ein Verkleidungsspiel. Passendes und Unpassendes ziehen sich die neun Leute über: bemüht seriöse Kostümierung, versucht sportlich oder hippig, oder auch kunterbunt wie zu einem Faschingsfest. Dazu ein mit elektronischen Loops aufgepeppten Spiel eines Geigers.
Dreitausend Tonnen Altkleider kommen bei der Caritas Steiermark pro Jahr zusammen, erfahren wir. Ein Drittel davon nur für den Müllcontainer tauglich. Der Großteil ist vermutlich in Billiglohnländern produziertes Gewand. Der zeitlose Chic ist im Kleidercontainer eher nicht auszumachen. Eigentlich wundert man sich weniger, dass das Zeug weggeschmissen wird, als dass es überhaupt einmal jemand gekauft hat. Einkaufswut oder das Nachlaufen irgendwelchen Modetrends? Wahrscheinlich beides. Eine für viel Nachdenkstoff sorgende Performance in den ersten Festival Tagen.
La Strada wird seit Jahren nicht auf derStraße, sondern im Opernhaus eröffnet – diesmal ziemlich spektakulär mit der Produktion Möbius vom Collectif XY, das höchste Körperkunst verbindet mit der Geschmeidigkeit von Ballett. Mit dem Choreographen Rachid Ouramdane hat man sich von Vogelschwärmen inspirieren lassen. Die Gruppe geht stets gemeinsam ungefähr in die gleiche Richtung, was aber nicht heißt, dass das Individuum nicht auch ganz eigene Wege einschlagen kann.
Die Spezialität dieser Gruppe: Das Menschen-Turm-Bauen. Es ist geradezu unglaublich, auf wie vielfältige Weise man die dritte Frau, den dritten Mann allein mit Muskelkraft hinauf befördern kann. Die neunzehn Athletinnen und Athleten sind nicht nur Weltmeister im Frauen-Weit- und Querfeldeinwurf. Und ganz wundersam, wie sich diese Türme scheinbar spielerisch in Gruppenbewegung auflösen, wie sich sogar die Muskelprotze in der Runde einfügen in bewegte, elegante Ballett-Formationen.
Aber hinaus wirklich auf die Straße: Viele französische Gäste gibt’s heuer bei La Strada. Eine bemerkenswert inklusive Gruppe ist das Ensemble Le doux supplice, die im Programm Les petites épopées... (Die kleinen Epen) auf vielfältigste Art und Weise kleine Geschichten zum Staunen erzählt. Ein grandioser Pantomime ist dabei, eine Schauspielerin/Sängerin, Bodenakrobaten und Tänzer unterschiedlichsten Alters. Was ist da passiert vor achtzehn Jahren auf dem Bahnhof in Strassbourg und danach im Zug von Paris? Zwei Protagonisten decken nach und nach ziemlich dramatische Entwicklungen auf, die aber auch ganz viel Anlass zum Lachen geben.
Nouveau Cirque heißt nicht zuletzt: viel können, multimedial. Dafür ist La Bande à Tyrex ein Musterbeispiel. Jeder von denen beherrscht ein Musikinstrument, aber sie sind auch Artisten auf dem Fahrrad. Akkordeon und Handstand auf dem Fahrrad? Alles kein Problem. Der Slapstick kommt natürlich nicht zu kurz. Sie machen nicht nur eine tolle Performance vor dem Rathaus, sie geben auch ein Konzert.
Das Lachen und mehr als ein Hauch von Nostalgie durchzieht das Gastspiel des Circus Ronaldo (der war auch schon beim Winterfest in Salzburg zu Gast). Klingt italienisch, ist aber eine in Belgien beheimatete Zirkus-Großfamilie, die schon in der siebenten Generation ihrem Gewerbe nachgeht und seit dem Start 1842 (!) Hoch und Tiefs erlebt hat. Da Capo ist eine grelle Revue über die circensische eigene Unternehmensgeschichte, eine Geschichte zugleich der Unterhaltungskunst mit Pleiten, Pech und Pannen, garniert mit Rückgriffen auf die Commedia dell'arte. Was und wer immer überlebt: Die Zirkuskünstler und ihre Poesie!
Der Circus Ronaldo gastiert noch bis zum letzten Tag des Festivals La Strada, also bis Samstag (8. August) – www.lastrada.at
Bilder. La Strada / Nikola Milatovic