WIEN / GARTENPALAIS LIECHTENSTEIN

16/02/26 Der Pariser Kunsthändler Edme-Francois Gersaint kannte logischerweise viele Künstler seiner Zeit. Einer davon war der Maler Antoine Watteau, der seinem Freund ein repräsentatives Geschäftsschild für seinen Verkaufsraum nahe dem Pont Notre-Dame malte. Ein Glück, dass dieses nicht verwittert, sondern auf uns gekommen ist. Es ist in der Schau Noble Begierden im Wiener Gartenpalais Liechtenstein zu sehen.

Von Reinhard Kriechbaum

Eine interessante Frage, die sich aber – obwohl die Verkaufssummen für manche Gemälde sich längst in astronomischen Höhen bewegen – kaum jemand stellt: Wie wurde im Lauf der Geschichte und seit wann überhaupt wird mit Kunst gehandelt? Vielleicht sind sich die Kunsthistoriker zu gut für die banale Frage nach dem schnöden Geldwert der von ihnen betrachteten Dinge. Wann also traten die Kunst-Vermarkter auf die Bühne, deren Tätigkeit letztlich mindestens so wichtig (wenn nicht entscheidender) ist für die monetäre Bezifferung von Kunst als das Urteil von Sachverständigen?

Die große Ausstellung Noble Begierden im Gartenpalais Liechtenstein spürt punktuell der Geschichte des Kunsthandels nach. Klar, man kennt Bilder aus der Goldenen Ära der Niederländer, auf denen man sieht, wie beispielsweise in Antwerpen Kunst zur Schau gestellt und mit ihr gehandelt wurde („Schilderspand“ hieß das auf Flämisch). Durchaus ikonographisch auch jenes Bild einer Frühform von „Kunstmesse“ von Bartholomäus von Bassen, der eine solche Szene um 1607 im Wenzelssaal der Prager Burg festgehalten hat.

Aber schon im dritten vorchristlichen Jahrhundert wurde um Kunst gefeilscht. Da hatten reiche Römer begierliche Blicke auf griechische Bildhauerei gerichtet. Damit fängt's eigentlich an in Europa. Die Schau zeigt gleich im ersten Raum auch ein Bild des Gelehrten und Händlers Jacopo Strada, gemalt von Tizian. Er hält eine Antikenstatue in Händen, gar nicht verwunderlich für die Renaissance.

Auf Ökonomie bedacht waren freilich schon Malerwerkstätten in der Gotik. Man spezialisierte sich auf bestimmte Motive, die dann in unterschiedlichen Kombinationen auf Altarbildern landeten. Auch die Terracotta-Rundreliefs eines Luca della Robba in der Renaissance darf man unter dem Aspekt der Serienproduktion (und damit der Steigerung des Verkaufsertrags) sehen. Damals verkaufte man freilich noch direkt aus der Werkstatt. Dürers Prominenz rührte nicht zuletzt von seiner Geschäftstüchtigkeit als Druckgraphiker her. Seine Blätter wiederum wurden von Zeitgenossen und Nachgeborenen reproduziert auf Teufel-komm-raus.

A propos Serienproduktion. Im 19. Jahrhundert begann der individualisierte Blick auf Einzel-Kunstwerke, bloße Reproduktion galt alsbald als wertmindernd. Eine von den Ausstellungsmachern hier vertretene, originelle These: Claude Monet habe, indem er immer wieder gleiche Motive bei in unterschiedlichen Licht- und Wetterverhältnissen dargestellt habe, dem neuen Zeitgeist ein Schnippchen geschlagen. Er schuf zusammenhängende Serien, stellte sie als Gesamtkunstwerk aus, aber die Blätter brachte er sodann als Einzelstücke an den Mann. Eine immerhin interessante Sehweise beispielsweise auf Monets Gemälde vom Londoner House of Parliament, von denen hier gleich drei nebeneinander hängen.

Die Ausstellung fokussiert Kunsthandel auf einzelne Städte. Antwerpen natürlich, Paris, London. In Rom, wo jetzt Straßenkünstler mit Acrylfarben für Touristen kitschen, hatten Vedutenmaler einst Hochkonjunktur, wenn junge Adelige sich auf humanistische „Grand Tour“ begaben und sich vor Ort mit Bildern von Architekturdenkmälern eindeckten.

Einzelne Kunsthändler begannen im frühen 19. Jahrhundert, Ausstellungs- und Auktionskataloge zu veröffentlichen. Die Bildbeschreibungen darin standen am Beginn der wissenschaftlichen Disziplin „Kunstgeschichte“. Ernst schaut der legendäre James Christie (1730-1803) aus einem Porträt: Sein Name ist bis heute Markenzeichen für Kunsthandel auf allerhöchstem Preisniveau. Heute eher unbekannt ist der 1925 gestorbene Charles Sedelmeyer. Der gebürtige Wiener hat nicht nur Historienschinken von dem Ungarn Mihály Munkáscsy an den Mann gebracht, sondern galt zu seiner Zeit auch angesehener Rembrandt-Experte. Er handelte auch mit Käufern aus der neuen Welt. Sedelmeyer war einer der ersten „modernen“ Kunsthändler. Er hat Künstler – unter anderem eben Munkácsy – unter Vertrag genommen und sich dafür hohe Margen an den Verkaufserlösen gesichert.

Es ist eine höchst anregende, weil zeitlich und stilistisch vielfältige, ja querfeldein führende Schau. Die Geschichte des Kunsthandels ist damit illustrativ an repräsentativen Beispielen angerissen, aber wohl erst in Ansätzen erzählt. Man könnte soziologisch weiter forschen, aus Blickwinkeln unterschiedlicher Gesellschaftsformen und wirtschaftlicher Szenarien. Ein überraschend vielfältiges und anregendes Thema jedenfalls.

1639 wurde in Amsterdam eine private Kunstsammlung aufgelöst, und da wurde ein Porträt von Raffael angeboten. Einer der interessierten Beobachter war Rembrandt. Er machte schnell mit Feder eine Skizze, notierte den Verkaufspreis (3.500 Gulden, dafür bekam man damals mehrere Stadthäuser) – und er grifft die Art des Porträtierens auf und schuf ein nachmalig berühmtes Selbstporträt ganz in der Art seines italienischer Kollegen.

Noble Begierden. Eine Geschichte des europäischen Kunstmarkts – Bis 6. April bei freiem Eintritt im Gartenpalais Liechtenstein – www.palaisliechtenstein.com
Bilder: dpk-krie