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Orthodoxe Klangflächen

FESTSPIELE / CHOR DES BAYERISCHEN RUNDFUNKS

31/07/16 Die „Ouverture Spirituelle“ war die Festspiel-Königsidee Alexander Pereiras, die ihn weiter überdauern möge. Ein Konzert wie jenes des Chors des Bayerischen Rundfunks am Freitag (29.7.) in der Kollegienkirche öffnet die Ohren und Herzen für rituelle Grundlagen der Welt-Kultur in ihrer farbigen Vielfalt und zeitlosen Schönheit.

Von Gottfried Franz Kasparek

Gesänge der russischen Orthodoxie lagen in den Händen des Chors, der, dies gleich vorweg, zur absoluten Weltklasse zu zählen ist. Als Kollektiv sind die Münchner nicht nur sattelfest, sondern ebenso wohlklingend und wenn nötig voll sonorer Kraft. Die fein timbrierten Bässe orgeln nicht unbedingt mit russischer Magie, aber dafür mit beeindruckend lyrisch fundierter Energie. Wenn Soli gefordert sind, verblüfft ein Tenor wie Bernhard Schneider mit wirklich solistisch fokussierter, strahlender Stimme und die anderen Stimmlagen, etwa der betörende, glockenhelle Sopran von Masako Goda, stehen ihm um nichts nach.

Der neue Chorleiter der Bayern, Howard Arman, ist ja in Salzburg von seinen Bachchor-Jahren von 1983 bis 2000 in bester Erinnerung und machte immer auch als sensibler Dirigent von Opern, sogar Operetten und Konzerten auf sich aufmerksam. Im Mittelpunkt seines vielseitigen Künstlerlebens steht freilich bis heute die Chorleitung. Zu Vitalität und Risikofreude sind im Lauf der Jahre Reifegrade von emotionaler Durchdringung gekommen. Wenn die Erinnerung nicht täuscht, so sind die beschwörenden Gesten Armans noch knapper, aber auch noch konziser geworden. Was bei einem so komplexen Werk wie Alfred Schnittkes „Konzert für Chor“ sehr hilfreich ist.

Der Deutschrusse Schnittke fühlte sich zeitlebens trotz katholischer Taufe der Orthodoxie verbunden. Die gläubig glühenden Gesänge des armenischen Mystikers Gregor von Narek aus dem 10. Jahrhundert hat er gar nicht so polystilistisch, sondern bei aller Schärfung des Ausdrucks und Neigung zu verinnerlicht schwebenden Klangflächen doch den archaischen Strukturen der alten liturgischen Musik des Ostens folgend vertont. Es entsteht keine Übermalung, sondern eine intensive Durchleuchtung.

Vor diesem Hauptwerk des pausenlosen, etwa 70 Minuten lang höchste Konzentration fordernden Konzerts erklangen Ausschnitte aus Sergej Rachmaninows geistlichem Zyklus „Das große Abend- und Morgenlob“, uraufgeführt 1915 am Vorabend der Revolution, die für lange Zeit derart religiöse Musik verbieten sollte. Die drei Seligpreisungen und das Ave Maria daraus boten eine stimmige, natürlich romantisch erfühlte, aber ebenso spirituell erfüllte Einstimmung. Auch Rachmaninow blieb dem Grundgestus der Liturgie treu. Und natürlich wird in all dieser Musik a cappella gesungen – Instrumente haben im orthodoxen Kirchengesang nichts zu suchen.

Am Ende stand das kurze Stück „Da pacem Domine“, das Arvo Pärt 2004 unmittelbar nach dem schrecklichen Bombenanschlag von Madrid komponiert hat. Tiefe Trauer, gefasst in lapidar schöne Glockenmotive. Da durfte man durchaus nach einer Pause der Besinnung den Ausführenden danken, aber an eine Zugabe war nach diesem leider sehr aktuellen Memento Mori nicht zu denken.

Hörfunkübertragung am 17. August, 19.30 Uhr, Ö1
Bild: Salzburger Festspiele / Michael Pöhn

 

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