asdf
 

Mein Großvater, der Nazi

FEUILLETON / DIE RATTENLINIE

07/01/22 Der Großvater, Otto Wächter, Gouverneur von Galizien, war ein Organisator des Nazi-Grauens. Die Großmutter, Charlotte, bis zum Tod 1985 eine fanatische Nationalsozialistin. Details aus dem Leben der Großeltern hat die Enkelin erst durch die Arbeit eines britischen Juristen und Autors erfahren: Am Dienstag (11.1.) sind Friderica Wächter-Stanfel und Philippe Sands Gäste im Kulturkreis Das Zentrum in Radstadt.

Von Heidemarie Klabacher

Thumersbach. Zell am See. Tamsweg. Flachau. Hagener Hütte. Gnadenalm. Dazu Haus Wartenberg in der Riedenburger-Straße in der Stadt Salzburg... Unvorstellbare Gräuel hat er als NS-Gouverneur von Galizien in der heutigen Unkraine, also „weit weg“ mitverantwortet. Drei Jahre seines Leben als Nazi auf der Flucht spielten sich aber vor „unserer Haustür“ ab.

Otto Wächter war einer der ranghöchsten österreichischen Nationalsozialisten. Das Buch Die Rattenlinie. Ein Nazi auf der Flucht von Philippe Sands legt man erst aus der Hand, wenn man die letzte Seite umgeblättert und sich zugleich vorgenommen hat, es wieder und wieder zu lesen. Spannend wie ein Krimi und aufwühlend, wie historische Wahrheit eben ist. Vor allem, wenn sie einem - geografisch - so unglaublich nahe kommt.

„Wir kamen durch St. Johann im Pongau, wo ihre Großeltern wieder vereint gewesen waren, dann durch Bad Gastein mit seinen schicken Hotels und liefen bergan zu der Stelle, wo Charlotte jedes Mal ihre lange Wanderung den Berg hinauf zur Hagener Hütte begonnen hatte...“ Dieses „Wir“ der Gegenwart sind der britische Autor und Jurist Philippe Sands, Friderica Wächter-Stanfel, die zum Islam konvertierte Enkelin von Otto Wächter, und deren Ehemann Gernot Galib Stanfel.

Am Ende des atemberaubend spannenden Buches machen der Autor und die Nachfahrin zwei gemeinsame Fahrten. Sie besuchen die Halte- und Fluchtpunkte des Nazis Otto Wächter in den Hohen und Niederen Tauern, aber auch die Wohnsitze der Familie, erworben oder enteignet, sei es in Wien, Mürzzuschlag – von wo Ottos Wächters Frau, die Industriellen-Tochter Charlotte Bleckmann stammte – in Fieberbrunn oder Zell am See. In Thumersbach bewohnte Charlotte mit ihren sechs Kindern ein Haus, „in dessen Besitz die Wächters im April 1940 kamen, nachdem es mit Hilfe von Ernst Kaltenbrunner (Führer der SS in Österreich, Leiter des Reichssicherheitshauptamtes, Anm.) von dem Landeshauptmann Rehrl beschlagnahmt worden war“.

Die Hauptperson, Otto Wächter, war zu dieser Zeit von der Bildfläche verschwunden. Auch seine Frau, ebenfalls eine unheilbar fanatische Nationalsozialistin, schien nichts über das Schicksal ihres Ehemanns zu wissen. „Die Wahrheit war, dass Otto sich nach dem Mai 1945 nie weit von Zell am See oder Salzburg entfernte.“ Und die Ehefrau wusste genau Bescheid. Drei Jahre lang hat sich das Paar regelmäßig alle zwei bis drei Wochen getroffen. Akribisch hat der Autor aufgezeigt, wie dieses Versteckspiel in unwirtlichen Gegenden geklappt hat – nämlich genau so lange, wie ein gebirgserfahrener junger SS-Mann dabei geholfen hat. Diesen Burkhard Rathmann, genannt Buko, hat der Autor im Jahr 2016 übrigens noch persönlich sprechen können.

Für „uns“ Salzburger liegen diese Episoden vor unserer Haustür besonders nahe, ob in Land oder Stadt Salzburg: Auch die Riedenburg spielt eine Rolle. Charlotte Wächter, zu diesem Zeitpunkt tatsächlich Witwe, kaufte nach dem Krieg das Haus Wartenberg, Riedenburger-Straße 2, und richtete dort eine Deutsche Sprachschule ein. Dort, im Garten, war Otto Wächter kurze Zeit sogar begraben. Damit befindet man sich, vom Autor Philippe Sands schon dreihundert Seiten lang in Atem gehalten, im Kapitel „Die fünf Begräbnisse des O.W.“

Die Geschichte der Flucht Wächters nach Italien, sein bizarrer Tod in Rom, die Umbettungen des Leichnams, die Verbindungen in die USA zur CIA und weiter bis Mexiko, die akribische Schritt für Schritt-Recherche des Autors Philipp Sands, dessen Gespräche mit Horst Wächter, einem Sohn Ottos: All das ist so spannend erzählt, wie der spannendste Krimi und verstört zugleich mit dem Wissen, dass es eben kein Krimi ist, sondern ein Stück Geschichte, wie es in Österreich noch immer gerne verschwiegen wird.

Philippe Sands: Die Rattenlinie – ein Nazi auf der Flucht. Lügen, Liebe und die Suche nach der Wahrheit. Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Bertram. S. Fischer Verlag Frankfurt 2020. 544 Seiten. 25,70 Euro - www.fischerverlage.de
Am Dienstag (11.1.) um 19 Uhr sprechen im Zeughaus am Turm in Radstadt Philippe Sands und Friderica Wächter-Stanfel mit Mirjam Zadoff vom NS-Dokumentationszentrum München. Auf Deutsch liest Peter Arp - www.daszentrum.at

 

 

 

DrehPunktKultur - Die Salzburger Kulturzeitung im Internet ©2014