asdf
 

Die Kriegstreiber sind am Werk

BACHGESELLSCHAFT / ASSALONNE

07/11/22 Antonio Caldara (1670-1736) hat es, nachgereiht dem österreichischen Barockmeister Johann Joseph Fux, „nur“ zumVize-Kapellmeister am Wiener Kaiserhof gebracht. Aber auch das wollte was heißen unter Habsburger-Regenten, die sich selbst aufs Komponieren verstanden und wussten, was Qualität ist. Nach Salzburg hatte Caldara beste Verbindungen.

Von Reinhard Kriechbaum

Der kunstsinnige Fürsterzbischof Franz Anton von Harrach schätzte Caldara, der nicht nur viele geistliche Werke für den Dom schrieb. Auch – mindestens – vierzehn Opern von ihm sind hierorts aus der Taufe gehoben worden. Sonderbar also, dass sich die lokale barocke Musikgeschichte hierorts in der Konzert-Praxis fast ausschließlich mit Stücken von Biber, Muffat und später Eberlin niederschlägt. Wann ist einem hier zuletzt ein Werk von Caldara untergekommen?

Umso dankbarer muss man der Bachgesellschaft sein, dass sie am Samstag (5.11.) in der Großen Aula Caldaras Assalonne aufs Programm setzte. Dieses Oratorium wurde 1720 in Wien uraufgeführt, für Salzburg ist eine Aufführung 1728 verbürgt. Was ein Tonschöpfer damals seinem komponierenden Chef, dem Kaiser, an Ingenium anbieten musste, kann man diesem Werk unmittelbar ablesen: ein marginales Bibelthema eigentlich, das psychologisch und musikalisch aufs Spannendste aufgearbeitet ist.

Uns ist höchstens noch das geflügelte Wort „Auch du mein Sohn Absolon“ geläufig. Die biblische Geschichte dahinter: Absolon, ein Sohn von König David, macht dem Vater den Thron streitig.

Der hehre Grund – der alte David schien dem jungen Mann in Sachen Familie gar zu wohlmeinend und nachsichtig – tut wenig zur Sache. Caldara und sein Librettist spitzen die Handlung auf die Entwicklunng zur kämpferischen Auseinandersetzung zu. Während David bis zuletzt nicht und nicht an das Böse im Sohn glauben möchte und sogar zwischenzeitlich freiwillig das Feld räumt, sucht dieser die Selbstbestätigung im eigentlich unnotwendigen Schlachtengetümmel.

In der Story kommen allerlei vermeintlich wohlmeinende Ratgeber (auf beiden Seiten) zu Wort, die im Grunde nichts anderes im Sinn haben, als Kriegshetze zu betreiben. Klingt irgendwie heutig.

Nicht wenig Gemetzel also in diesem Werk, wo die Geigenbögen wie die Schwerter gekreuzt werden, gleich vier Naturtrompeten schmettern und schon nach den ersten Takten sich sogar ein Solofagott fast beängstigend aggressiv zu Wort meldet. Dieses Fagott, im Verein mit dem Solocello, wird dann in einer ganz besonderen eine Rolle spielen: Weil David so ganz und gar nicht mit Gewalt gegen den aufrührerischen Sohn vorgehen will, wird’s dem lieben Gott zu bunt. In einer Arie des Testo (Evangelisten) wird höchst pointiert ausgemalt, dass der Himmel dann doch für Gerechtigkeit zu sorgen gedenkt.

Es geht Assolonne (Absolon) also an den Kragen. Am Ende steht ein Duett zwischen David, der um den Sohn klagt, und einem der Kriegstreiber, der die Richtigkeit des Mordes an Absolon bekräftigt. Pazifismus oder kriegerische Selbstverteidigung, was ist richtig? Auch das eine mehr als heutige Frage. Tolle Kriegsmusik jedenfalls, pure Aggression und Tötungslust, juveniles Draufgängertum und sinnloses Aufeinander-Einschlagen: Dafür hat Antonio Caldara die barocke Ausdrucksrhetorik ausgereizt. Verblüffend viel Abwechslung.

Alfredo Bernardini, der bei der Styriarte in Graz seit Jahren einen Fux-Opernzyklus laufen hat, ist eingefuchst in diese Musik. Das Salzburger Barockensemble schöpft derzeit auch aus einem Fundus klangrednerisch bestausgebildeter junger Musiker vom Department Alter Musik am Mozarteum: Gewiss nicht das Letzte an möglicher Präzision, aber beeindruckende Stil-Versiertheit. Die Ausdrucksintensität ist allemal mitreißend.

Besonders geglückt ist das Solisten-Casting. Der Countertenor Alois Mühlbacher als Assalonne liefert – pardon die Formulierung – das Psychogramm eines Halbstarken, gierend nach Karriere und Selbstbestätigung im Kampf. Ein juveniler Putin? Auf der anderen Seite David, der Bassbariton Oddur Jónsson: Er vertritt die Zurückhaltung, das Zaudern angesichts der familiären Bindungen, also den lyrischen Kontrapunkt zu all dem Waffengeklirre rundum.

Handverlesen genau auf die jeweiligen Rollenbilder zugeschnitten die Schar der kriegslüsternen Ratgeber: Ekaterina Krasko (Ioabbe), Bettina Meiners (Consigliere) und Virgil Hartinger (Architofelle). Beachtlich, wie sie alle die halsbrecherischen Koloraturen meistern. Der Testo/Evangelist ist ein Countertenor. Yosemeh Adjei macht seine einzige Arie, in der sich der situationsbereinigende Eingriff des Himmels ankündigt, zu einem Höhepunkt des Konzerts.

Ob man wohl orchestral noch ein ganz wenig nachpolieren und die Oratorien-Rarität auf CD aufnehmen könnte? Der Assalonne wäre es wert. Und eine der „Salzburger“ Caldara-Opern auszugraben? Das wäre wohl auch an der Zeit.

Antonio Caldara ist auch im nächsten Konzert der Bachgesellschaft ein Thema, mit Dorothee Oberlinger (Blockflöte) und Edin Karamazov (Laute) am 22. November im Rittersaal der Residenz – www.salzburger-bachgesellschaft.at
Bilder: Wikipedia; alfredobernardini.com/Arnold Ritter; www.aloismuehlbacher.at/Alexander Eder; www.oddurjonsson.com/Melissa Zgouridi Studios

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

DrehPunktKultur - Die Salzburger Kulturzeitung im Internet ©2014