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Das Ungeheuer Familie

GRAZ / SCHAUSPIELHAUS / RUTHERFORD & SON

23/01/25 Githa Sowerby. Mit dem Namen bringt man wohl auch so manchen Literaturwissenschafter in Verlegenheit. Das eindrucksvolle Drama Rutherford & Son der auch in ihrer englischen Heimat weitgehend vergessenen Autorin erlebte im Schauspielhaus Graz seine österreichische Erstaufführung.

Von Reinhard Kriechbaum

Es ist seit 1914 (München) überhaupt die erste deutschsprachige Produktion des 1912 uraufgeführten Stücks, das damals in London gewaltige Aufmerksamkeit erregte – nicht nur als sich herausstellte, dass die Initialen „K. G.“ für die Namen Kathrin Githa, also für eine Autorin standen. Die feministische Literaturforschung in England hat in den 1980er Jahren Rutherford & Son und seine Schöpferin zwar wieder aus der Versenkung geholt, aber die Aufführungen seither blieben überschaubar. Githa Sowerby (1876-1970), Autorin von immerhin sieben Theaterstücken, hatte zuvor vor allem Kinderbücher geschrieben.

Rutherford & Son ist eine Familien-Horrorgeschichte.

John Rutherford, scheinbar unangefochtener Prinzipal nicht nur in der Familie, sondern auch als Chef einer Glasfabrik, wird nicht müde zu betonen, dass er „all das“, sprich sein Unternehmen, ausschließlich zum Wohl der Familie, der Kinder aufgebaut habe. Der älteste Sohn denkt aber nicht daran, einmal in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Immerhin glaubt der junge Mann so viel von der Glasmacherei zu wissen, dass er dem Vater, in dessen Fabrik sich wirtschaftliche Nöte anbahnen, eine Erfindung verkaufen möchte. So will er für sich, seine Frau und das wenige Monate alte Kind Geld für die Selbständigkeit, für die Abnabelung vom übermächtigen Familienoberhaupt, herauspressen.

Auch der zweite Sohn hat sich abgesetzt vom Vater. Er ist Priester geworden, aber immer noch am Ort tätig, als Betriebsseelsorger. Sein Einsatz für einen jungen Arbeiter, der sich an der Firmenkasse vergriffen hat, birgt erhebliches Konfliktpotential zwischen Vater und Sohn. Die Tochter schließlich führt in der Familie eine Existenz als graue Maus. Ihre Liebschaft zu einem Firmenangestellten, auf den ihr Vater große Stücke hält, muss geheim bleiben, fliegt aber natürlich auf.

Ein horribel grausamer Seelen-Zermürbungsprozess auf allen Seiten muss aufgearbeitet werden. Githa Sowerby war selbst Tochter eines Glasmachers, sie kannte das Milieu gut. In dem dramaturgisch raffiniert gefassten Stück werden nach und nach die sprichwörtlichen Leichen aus dem Keller geholt. Die drei jungen Erwachsenen, aber auch die Tante, die den Haushalt führt, haben erhebliche psychische Deformationen davongetragen. Es wird unbarmherzig auf- und abgerechnet. Selbst nebensächliche Bemerkungen entpuppen sich nicht selten als gezielte Bösartigkeiten. Der Vater, gefangen im Unternehmer-Denken, versteht die Welt nicht mehr.

Für diese explosive Familienaufstellung hat im Grazer Schauspielhaus Eszter Kálmán ein drehbares Penthouse geschaffen, wenig nobel, rundum einsichtig vom Esszimmer übers Büro des Fabrikchefs bis zur Toilette. Da gehen die Handelnden um, aneinander vorbei, vor allem aber aufeinander los. Regisseur Jakab Tarnóczi hat für jeder der Figuren ein plausibles, auch zwielichtiges Psychogramm erarbeitet. Das Sich-Fügen, die notwendige Verstellung, das unvermeidliche Aufbegehren – das macht eigentlich jede und jeden der Handelnden interessant: die Söhne John und Richard (Mario Lopatta, Tim Breyvogel), die scheinbar lethargisch sich fügende Tochter Janet (Marielle Layher). Die Tante (Olivia Grigolli) hat längst resigniert und beharrt gewohnheitsmäßig auf einer alten Denk- und Familien-Ordnung, die längst den Bach hinunter ist. Die Kostüme unterstreichen das. Die Familie Rutherford sieht aus, als hätte sie sich im Caritas-Kleiderdepot eingekleidet. Behaupteter gesellschaftlicher Status und Erscheinungsbild klaffen unsäglich weit auseinander.

Mary (Annette Holzmann), die von allen verachtete Schwiegertochter, hat als einzige einen klaren, leidlich emotionslosen Blick auf die Familienmisere. John Rutherford, das Familienoberhaupt: Franz Solar gibt einen leisen, sturen Beharrer. Fast muss man Mitleid haben mit dem „Chef“, dem die Felle davonschwimmen. Anke Stedingk (Mrs. Hernderson) bricht ein in die um sich selbst kreisende Familien-Gesellschaft und bringt so nachdrücklich die soziale Komponente ein.

All das hat der Regisseur und hat das Ensemble bestens im Griff: Kein noch so emotionaler Ausbruch, der unkontrolliert bliebe. Es wird mit Microports gearbeitet, was einen häuslich-leisen Umgangston sichert, fernab von allem Deklamieren. Umso mehr packt einen das Grauen, eben weil das Ungeheure so „familiär“ daher kommt. Man fragt sich fast zwei Stunden lang, wie diese Geschichte ausgehen kann – und wird überrascht. Eine mehr als lohnende Stückentdeckung.

Aufführungen bis 27.2. – www.schauspielhaus-graz.com
Bilder: Schauspielhaus Graz / Lex Karelly

 

 

 

 

 

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