KAMMEROPER SALZBURG / PFITZNER

11/11/25 Hans Pfitzner ist tot, gestorben in Salzburg, aber nicht verschwunden. Die Verwesung des Herrn Pfitzner – uraufgeführt am Samstag (8.11.) von der Kammeroper Salzburg als multimediales Spektakel in der Kollegienkirche unter der Leitung von Gordon Safari in der Regie von Konstantin Paul, der auch für Bühne und Video zeichnet.

Von Erhard Petzel

Dem Komponisten Hans Pfitzner mangelte es nicht an Selbstbewusstsein. Er scheute sich etwa keineswegs, gegen Richard Strauss in den Ring zu steigen. Zahlreiche Straßenbezeichnungen und Denkmäler erinnern noch an ihn, sofern sie nicht seiner tiefen Verstrickung in die Nazi-Ideologie wegen umbenannt oder aufgelassen worden sind. Von seinen Werken verschlägt es in der Nachkriegszeit lediglich die Oper Palestrina gelegentlich auf die Spielpläne.

Die Beschäftigung mit dieses Systemträgers Werk wäre interessant in der Gegenüberstellung zu Werken von in der Versenkung gelandeten Komponisten/Opfern. Aber das gibt die Produktion Die Verwesung des Herrn Pfitzner der Kammeroper Salzburg nicht her. Diese gibt sich eher als Biopical auf die Musik von Adrian Laugsch, in das Zitate von Brahms, Schumann, Mahler, Wagner und Weinberg eingeschrieben sind. Beethovens Florestan wird im Programmheft nicht angeführt, obwohl der Tenor singende Bariton Felix Heuser mit dessen Anspruch an Prinzipientreue dem Pfitzner-Kadaver (Eva Just) die blutroten Eingeweide aus dem Bauch zieht.

Musikalisch ist Die Verwesung des Herrn Pfitzner virtuos. Ein Quartett reicht, um aus Brahms’ Requiem Chorschauer zu zaubern (Samira Taubmann Sopran, Marie Magrofuoco Alt, Gabriel Rupp Bass). Das Klavier (Gereon Kleiner) und der Synthesizer (Danijela Slano) binden ein kleines Ensemble von Posaune (Willy Widauer), Oboe (Stefan Peindl), Kontrabass (Theresa Schilling) und E-Gitarre (Emil Vinzens). Der Kirchenraum erhöht sie alle zu orchestraler Wucht. Die musikalische Darbietung ist beeindruckend sowohl von Stimmen und Instrumenten wie in der interessanten Musik mit geschickt eingewirkten Werken.

Das große Problem aber ist die Textverständlichkeit im halligen Raum, sodass die dramaturgischen Absichten Konstantin Pauls kaum nachvollziehbar sind. Da die Stimmen obendrein mehrere Rollen zu verkörpern haben, hat man als Publikum kaum Anhaltspunkte, abgesehen von einigen klar erkennbaren Textmomenten, die man dann einordnen kann, wenn man mit der Biografie Pfitzners etwas vertraut ist. Hier dem Publikum Hilfen an die Hand zu geben wäre recht verdienstvoll gewesen.

An und für sich eine schöne Idee, Pfitzner im Rollstuhl mit grüner Verwesungsmaske durch die Stimmen aus dem Quartett über Megafon zu Wort kommen zu lassen. Für die Textverständlichkeit eine Hürde mehr. Eingespielte Textzitate, aus denen noch in der Nachkriegszeit rassistischer Antisemitismus spricht, werden teilweise mit weißem Rauschen übermalt. Das findet sich dann auch visualisiert auf weißen Vorhängen, die als Projektionsleinwand ebenso zum Einsatz kommen wie als Bühnenvorhänge, die einen hinteren Bühnenraum rahmen. So gibt es einen originalen Film des dirigierenden Pfitzner, dem Mahlers Lied Ich bin der Welt abhanden gekommen unterlegt wird. Dazu steigt der alte Zombie aus seinem Rollstuhl, um vor seinem schwarzweißen Selbst sich nochmals als Dirigent zu erleben.

Trotz aller Erfolge und prominenter Anerkennung scheitert Pfitzner wohl auch an sich selbst, sodass er nicht einmal bei den Nazis uneingeschränkten Rückhalt genießt. Privat verliert er Frau und seine vier Kinder (wobei Tochter Agnes sich nicht erschießt wie hier in der Performance, sondern Zyankali nimmt). Die Episode um seinen Freund Paul Cossmann wird hoch dramatisch ausgeführt. Mit dem konvertierten Juden baute er eine Schriftenreihe auf, setzte sich auch für ihn bei Hindenburg ein, ließ ihn aber letztlich im Stich und verleugnete seine Vernichtung im KZ. Zuletzt verschlug es Pfitzner aufgrund seiner Rolle im Dritten Reich und kriegsbedingt auch nach Österreich. In Salzburg stirbt er 1949 an einem Herzinfarkt.

Die Schelte des Meistersingers Hans Sachs auf „welsches Wesen“ in Verachtet mir die Meister nicht wird in Die Verwesung des Herrn Pfitzner zum Wohlgefallen des völkischen Zombies dramatisch ausgedeutet – wobei sich hier ein weiblicher Sachs als Gender-Clou erweist. Freilich wäre ein Hörbeispiel aus Pfitzners Musik interessant gewesen. Angeboten hätte sich auch die Auseinandersetzung mit mit Salzburg stärker verbundenem Personal wie Joseph Messner oder Cäsar Bresgen. Das Publikum fand aber auch so seinen Bezug zur Aufführung und applaudierte eifrig.

www.kammeropersalzburg.at

Bilder: KOS / Per Oftedal