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Ein Post-It-Zettelchen reicht nicht

ARGE KULTUR / LITTLE BROTHER

18/02/14 Little Brother is watching you! Junge Erwachsene im Kampf für Privatsphäre und gegen einen totalitären Überwachungsstaat: Das ist Thema von „Little Brother“. Das Stück von Josh Costello erlebte am Montag (17.2.) in der ARGEkultur seine deutschsprachige Erstaufführung.

Von Oliwia Blender

060Caroline Richards hat das politisch aktuelle und intermediale Theaterstück inszeniert, das für ju8nges Publikum ab 14 Jahren gedacht ist: eine Koproduktion von Taka-Tuka und ARGEkultur.

„Little Brother“ basiert auf dem Jugendroman von Cory Doctorow, der seinerseits von George Orwells „1984“ inspiriert ist und mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht worden ist. Doctorow und der Bühnen-Bearbeiter Josh Costello erzählen vom ambivalenten Verhalten der Gesellschaft zur staatlich legitimierten Überwachung – und vom organisierten Widerstand durch eine „Gamer-Guerilla“.

Angeblich geht es in „Little Brother“ ja um ganz durchschnittliche Jugendlichen, die gemeinsam gegen soziale Ungerechtigkeit und für gesellschaftliche Veränderungen kämpfen. Wer genauer hinsieht, entdeckt aber ein Bild, das eloquente und hochbegabte junge Erwachsene zeichnet, die mehr als nach einem naiven und friedlichen Weltbild streben. Sie können Computersysteme hacken, mathematische Defizite in der Stochastik herausarbeiten, Überwachungsapparate austricksen, eine Revolution durch Flashmobs auslösen und nicht zuletzt aus der Verfassung zitieren.

059Dargestellt wird all dies getreu dem inhaltlichen Science-Fiction Thema in Form eines „Alternate Reality Games“: die Schauspieler erinnern in ihren Bewegungen und Abläufen an Figuren aus bekannten Jump ´n´Run Spielen wie „Super Mario“, die Handlung wird auch mit vergleichbarer Hintergrundmusik unterlegt. Was dazu passend Ragna Heiny als Idee gekommen ist: ein Bühnenbild aus bunt bemalten Bauklötzen. Mit denen dürfen die Darsteller „Tetris“ spielen. Permanente Dynamik herrscht auf der Bühne, die jungen Leute rücken die Klötze zusammen und auseinander, und konstruieren damit Möbelstücke und neue Kulissen – dem Schauplatz entsprechend werden diese von Leinwandprojektionen und „Computerspiel-Kompositionen“ unterstützt. Diese Multimedialität, auch den Einsatz von parallelen Videoaufnahmen und Einspielungen, spielt eine zentrale Rolle und vermittelt somit ein authentisches Milieu. Dusana Dusana Baltic ist das alles zu verdanken.

061Gespielt wird nun aber vor allem in Bewegung: Die Schauspieler (Nevena Lukic, Patrick Bongola und Valentin „Knuffelbunt“ Alfery ) spielen Doppelbesetzungen in fließenden Übergängen, sie sind sowohl Sportler als auch Tänzer. Deren Choreographie ist kein Zufall, Valentin „Knuffelbunt“ Alfery ist für diese verantwortlich und es dominieren professionelle Breakdance Elemente. Aber auch die Ausführungen des (aus dem themenverwandten Film „Matrix“ bekannten) Bullet-time-Effekts, bei dem einige Momente und Bewegungen wie eingefroren erscheinen, imponieren! Alleinig der Körper dient als einziges Hilfsmittel zur Darstellung unterschiedlichster Zeitabläufe – und diese Körperbeherrschung beeindruckt. Auch das Durchbrechen der vierten Wand, indem sich die Schauspieler mit ihren Kommentaren und Nacherzählungen direkt an die Zuschauer wenden, vermeidet ein Abschweifen.

Man mag sich schon zeitweise etwas überschüttet fühlen von der spezifischen Internetsprache, dem amerikanischen Jugendgefühl und der Computer-erweiterten Realität – so beleben die eben genannten Bewegungs- und Tanzelemente den Handlungsverlauf. Trotzdem geht es hier aber thematisch vorrangig um unsere brisante Gegenwart, in der wir uns bereits befinden und der wir uns nicht entziehen können. Was bedeutet, dass es nicht nur bei den Anderen passiert, sondern daher auch in unserem Land eine Sensibilisierung zu Themen wie: Krieg dem Terrorismus, legitime Folter und „gläserner Bürger“ stattfinden muss.

Denn das Abkleben der Laptop-Kamera mit einem Post-it-Zettelchen ist noch nicht Engagement genug.

Weitere Aufführungen heute Dienstag (18.2., 19 Uhr) und am Mittwoch (19.2., 10 und 19 Uhr), weitere Vorstellungen am 7., 8. Und 9. April –  www.argekultur.at
Bilder: ARGEkultur / Taka-Tuka /  Johannes Amersdorfer

 

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