KAMMERSPIELE / DER FREMDE

09/04/26 Der Regisseur Murat Dikenci dramatisiert und inszeniert Camus‘ Jahrhundert-Roman Der Fremde als beklemmendes Kammerspiel. So funktioniert auch ein nicht-dramatisch gedachter Text auf dem Theater!

Von Dietmar Rudolf

Auf der dämmrig beleuchteten Bühne der Kammerspiele zwei riesige Metallplatten, gleichmäßig mit Löchern gestanzt, die wie Gitter wirken. Davor eine Bank, gleich gestaltet. Deren abgeschrägte Front lässt an das Fallbeil einer Guillotine denken. Mehr sinnfällige Abstraktion und Reduktion als in der Ausstattung von Florence Schreiber geht nicht.

Ein junger Mann, Meursault, nimmt auf der Bank Platz und beginnt seine Geschichte zu erzählen: „Heute ist Maman gestorben. Vielleicht auch gestern, ich weiß nicht.“ Mit diesen seltsam teilnahmslosen Worten beginnt auch Camus‘ Roman. Die Leiterin des Altersheims seiner Mutter (Naomi Kneip) tritt auf. Seltsam überdreht, fast fröhlich berichtet sie über die letzte Lebensphase der Mutter und bespricht mit Meursault die Begräbnisformalitäten.

Dies bleibt die dramaturgische Struktur von Murat Dikencis Theaterfassung: Meursault, beklemmend in seiner emotionslosen Ehrlichkeit von Maximilian Paier dargestellt, erzählt in langen, manchmal etwas zu langen Monologen von seinem Leben. Naomi Kneip und Matthias Herrmann sind in beeindruckender Vielfalt seine unterschiedlichsten Dialogpartner. Sie von der verliebten Marie bis zur bigott-beinharten Staatsanwältin. Er vom brutalen, misogynen Zuhälter Raymond bis zum ehrlich bemühten Gefängnisseelsorger. Gekennzeichnet sind die Personen durch unterschiedliche abstrakte Kostüme, die alle eines gemeinsam haben – sie sind schief. So wie der „Fremde“ in seinem Verhältnis zur Welt in Schieflage ist. Oder sie zu ihm? Existenzialismus meets Postdramatik.

Und so rollt die Geschichte ab in der schrecklichen Unaufhaltsamkeit einer griechischen Tragödie. Nur ist daran nichts heldisch, sondern alles ist grausam banal und zufällig. Meursault, dessen Lieblingssatz „das ist mir egal“ ist, schlittert in alles hinein. In die Kumpelei mit Raymond, dem er bei seinen machistischen Widerlichkeiten behilflich ist. In die Affäre mit Marie, deren Liebe er eher achselzuckend begegnet. In die gewalttätigen Auseinandersetzungen mit Raymonds arabischen Widersachern. Er verschiebt zwar während der Vorstellung unendlich oft die Gitter, die ihn umgeben, aber sie bleiben im Raum. Und immer wieder sieht man zwischen ihnen nur das im Bühnenhintergrund lauernde schwarze Loch.

Unterstützt werden die Szenenwechsel äußerst stimmungsvoll vom düsteren Sounddesign von Lukas Grundmann, das von orgelartigen Klängen über Ambient bis zu Umweltgeräuschen reicht.

Bei einem Strandwochenende passiert die Katastrophe: Man begegnet zufällig den Verwandten von Raymonds Ex, die dieser verprügelt hat. Es kommt zum Streit. Zufällig hat Meursault die Pistole bekommen. Und überwältigt von der Hitze, dem gleißenden Sonnenlicht – schier unerträglich helle auf die Zuschauer gerichtete Scheinwerfer – und dem aufblitzenden Messer des Gegners drückt er ab. Mehrmals. Es ist irgendwie passiert. Er kann es nicht erklären. Wohlgemerkt: Das wird nicht gespielt, sondern von Maximilian Paier erzählt. Und es funktioniert. Wie ein Botenbericht im antiken Theater.

Anschließend werden die Gitter, die das Leben Meursaults begrenzen, sehr real. Meursault wartet im Gefängnis auf seinen Prozess, weigert sich, sich taktisch besser darzustellen, als er ist, wird absurderweise eher für seine Teilnahmslosigkeit (großartig Naomi Klein als Staatsanwältin) als für die Tötung zum Tode verurteilt.

Hier wieder stupend die szenische Lösung: Saallicht geht an, Stimmengewirr, Auftritt von Staatsanwältin und Verteidiger, die dramaturgisch elegant die Zeugenaussagen referieren – und fertig ist die Gerichtsatmosphäre. Paiers plötzlich fast weinerliche Darstellung des Todgeweihten ist grenzwertig, aber angesichts des drohenden Fallbeils schlüssig. Nur bei seiner stolzen Weigerung „den Sprung in den Glauben zu wagen“ gegenüber dem Seelsorger (sehr berührend Matthias Herrmann als ehrlich bemühter Anwalt Gottes) gerät er technisch ins Strudeln, weil er in seinem wütenden Sprechorkan nur noch teilweise verständlich ist. Bei Paiers Abgang zum Schafott, der wie Sisyphos stolz sein Schicksal annimmt, blitzt dann doch fast Heldenhaftes auf. - Es ist also möglich, nicht dramatisch Gedachtes wie einen Roman erfolgreich zu dramatisieren. Kompliment an Murat Dikenci.

Der Fremde – Vorstellungen in den Kammerspielen bis 7. Mai – www.salzburger-landestheater.at
Bilder: SLT / Christian Krautzberger