FESTSPIELE / ANDRÁS SCHIFF

30/07/25 András Schiff liebt Johann Sebastian Bachs Musik seit Kindertagen, ja bezeichnet sie als das Wichtigste in seinem Leben. Am Dienstag (29.7.) widmete er sich im Großen Saal des Mozarteums der Kunst der Fuge, dem klingenden Testament des Thomaskantors und einem Monument der abendländischen Kunst. Allein die Bewältigung dieses Werks in pausenlosen gut 75 Minuten nötigt höchsten Respekt ab.

Von Gottfried Franz Kasparek

Im Programmheft gibt es ein Interview mit Sir András, welches mehr Wesentliches über das Stück aussagt als lange wissenschaftliche Analysen. „Die Stimmen diskutieren miteinander, und keine ist wichtiger als die andere“ lautet die Conclusio. „Machmal hat die eine Stimmung die Führung, zwei Minuten später die dritte, und die anderen spielen mit oder lauschen. So kann die Gesellschaft auch funktionieren – mit Geduld, mit Toleranz.“ Eine Harmonie der Welt, wie sie sein könnte. Chapeau!

„Und auf dem modernen Flügel ist das wunderbar spielbar“, so der historischen Instrumenten sonst oft gar nicht abgeneigte Pianist. Ja, und Bach, der bekanntlich alles Neue seiner Zeit aufgesogen hat, hätte gewiss seine Freude daran. Die Originalklangfrage stellt sich eben nicht, wenn ein souveräner, mitdenkender und mitfühlender Interpret wie Schiff sich in den ersten Contrapuncti mit glasklaren Tönen dem Geheimnis dieser gewaltigen Notenmenge nähert, sukzessive die fein verästelten Strukturen des Jahrhundertwerks freilegt, die barocke Fugen-Wunderwelt glänzen lässt und sich immer mehr in eine zeitlose Sphäre begibt bis hin zu den heute noch wagemutig modern klingenden Spiegelfugen – „hier hilft mir das Pedal, das ich bei Bach sonst sehr selten verwende.“

Die Kunst der Fuge sorgt immer für Bewunderung, auch wenn sie asketisch in welches Tasteninstrument auch immer gemeißelt wird. András Schiff allerdings holt, nach nobel diskretem Beginn, im Lauf des denkwürdigen Abends immer mehr an schillernden Farben und latenter Dramatik aus dem Innersten des grandiosen Stimmengeflechts heraus und vermittelt nicht bloß handwerkliche Meisterschaft auf höchstem Niveau, sondern eben auch eine ideale Balance von staunenswerten Intellekt und stets mitschwingender Emotionalität.

Der nach damaligen Begriffen alte Mann Bach hat im letzten Jahrzehnt seines Lebens an diesem Kompendium gewerkt und gefeilt – und ist nicht ganz fertig geworden. Oder doch? Schiff lässt den letzten Takt des fragmentarischen Contrapunctus XIV a 4 wie eine unbeantwortete, vielleicht unbeantwortbare Frage im Raum schweben. Ein magischer Moment der Stille entsteht, ehe der Applaus aufkocht.

Doch war es der Wunder nicht genug. Denn der Applaus und die Bravorufe wollten keine Ende nehmen, also nahm Schiff wieder Platz am Flügel, schlug die Partitur zu, nahm die Brille ab und spielte auswendig die Chromatische Fantasie und Fuge, ebenfalls ein in die Zukunft weisendes Spätwerk Bachs. Und siehe da, plötzlich war neben der Virtuosität des Stücks ein sinnliches Singen, ja Swingen im Raum. Was wiederum nicht enden wollenden Jubel bewirkte. Und so gab es als wundersam perlendes Gute-Nacht-Stück noch die Aria aus den Goldberg-Variationen. Die Nacht war recht kalt, in die man schritt, aber die Wärme der Klänge wirkte innerlich weiter.

Bilder: SF / Marco Borrelli