FESTSPIELE / SOLISTENKONZERT / VOLODOS

10/08/26 Von Arcadi Volodos und seinen extremen Zugängen – nicht zuletzt zu Franz Schubert – ist immer wieder mal die Rede. Extremer als die Wiedergabe der G-Dur Sonate am Sonntag (9.8.) im Großen Festspielhaus kann ein Schubert nicht mehr ausfallen. Auch nicht bewegender.

Von Heidemarie Klabacher

Die Schubert-Sonate, die man grad vorgespielt kriegt, ist immer die allerschönste. Unabhängig vom Interpreten ist der erste Satz der Sonate für Klavier G-Dur D 894 Fantasie-Sonate einer der schönsten, lieblichsten, heitersten überhaupt. Klingende Seelenspeise ist dieses Molto moderato e cantabile. Es wäre aber kein Schubert, wenn nicht auch in diesem Elysium im reinsten G-Dur ein Abgrund sich auftun würde.

Es dauerte mehrere Minuten, bis sich Ohr und Hirn an das von Arcadi Volodos angeschlagene extrem langsame Tempo gewöhnt hatte. „Zerdehnt“ ist einem als Wort durchaus durch den Kopf gegangen, bis diesem klar geworden war, dass er einer außerordentlichen Schubert-Interpretation beiwohnen darf. Wer über solch stupende Technik verfügt, darf es sich erlauben, quasi jedem einzlnen Ton einen Funken Ewigkeit mitzugeben. Es war nicht ermüdend. Es war tatsächlich erhellend. Je langsamer umso transparenter, greift zu kurz. Auch können Zug und Drive und Zusammenhang verloren gehen. Nicht bei Arcadi Volodos.

Nicht nur im ersten Satz, das ganz Werk über, hat man so viele Schnörksel, „Mikro-Phrasen“ gehört, wie noch nie zuvor. Und das will bei einem solch bekannten Werk was heißen. Das offengelegte Material wurde nicht nur radikal entschleundigt, sondern auch noch in der Phrasierung immer wieder gegen den Strich der Erwartung bebürstet. Der zweite Satz war nicht mehr so extrem langsam. Hier wie im Menuett, das in einem recht bockigen Dreier-Takt daherkam, faszinierten die extremen Kontraste zwischen Lieblichkeit und Dramatik – und die subtilen Übergänge. Faszinierend und schwer bejubelt.

Es folgte Chopin. Drei Mazurken, das Prélude cis-Moll und die Sonate b-Moll op. 35. Ob eine „Mazurka“ nun ein schneller oder langsamer Tanz ist, versuchte man sich zu erinnern, angesichts der ebenfalls stehend-wiegend daherkommenden Tänze. Ganze Bände über Volkstänze gibt es dazu. Fast jedes Tempo ist möglich – auch das auf einzelnen Taktzeiten schier zum Erliegen kommende von Arcadi Volodos. Wer das Gehopste, das gezwungen Heitere an den Mazurkas nicht mag, war ganz glücklich über diese schwebende Lesart. Das Prelude – ein Leuchten und Strahlen.

Für die Sonate habe der Komponist „vier seiner tollsten Kinder zusammengekoppelt“, sagte Robert Schumann über Chopins op. 23. Virtuos, bizarr der erste, bedrohlich bizarr der zweite, geisterhaft bizarr der dritte Satz. Natürlich wartete man auch in der stupenden Wiedergabe von Arcadi Volodos vor allem auf den Trauermarsch. Die „großen“ Akkorde über dem Grundschlag, sei es in der schweren tiefen oder der helleren Lage ware von geradezu schmerzhafter Schönheit. Die kleine Melodie über den zerlegten Akkorden – ein Blick in den Himmel. Und einen solchen gibt es. Das ist jetzt klar.

Bilder: SF / Marco Borrelli