FESTSPIELE / DREI SCHWESTERN
09/08/25 Wer sich beeilt, kann sich an den Abenden des 11. und des 12. August für mehr oder weniger Geld – Karten sind derzeit in den meisten Kategorien noch verfügbar – eine hochkulturelle Kriegsdepression anzüchten. Grau in grau. Nach Giulio Caesare im Bunker nun also Drei Schwestern unter einer zerbombten Eisenbahnbrücke im Gebirge. Ratlos stehen die Feldgrauen da. Für wen das alles? Pro patria?
Von Heidemarie Klabacher
Noch bevor das herumliegende Schild zum ersten Mal aufgeklaubt wird, weiß man, was drauf steht. Москва́. Moskau. Derzeit ebenso wenig ein Sehnsuchtsort wie New York oder gar Washington, ist die russische Metropole Ziel allen Sehnens und Trachtens der Drei Schwestern – im Schauspiel von Anton Tschechow wie in der Oper von Peter Eötvös. Der Komponist, der sich einst aus Gründen des Widerstandes geweigert hat, ordentlich Russisch zu lernen, hat zusammen mit Claus H. Henneberg das Libretto vom Urtext ausgehend verfasst und der liniearen Handlung eine Art spiraligen Twist verpasst.
„Das hatten wir doch schon“, denkt man sich, als das Ganze gleichsam wieder von vorne anfängt. Zur Ausweglosigkeit der Lage in der Provinz kommt mit der Zeitschleife ein Touch absurden Theaters. Das schafft hier aber keine befreiende oder gar ironische Distanz, sondern zieht nur tiefer hinein in die Ausweglosigkeit.
Entkommen ist in der gut zweistündigen Aufführung ohne Pause nicht nur den Protagonisten verwehrt. Innere Emigration? Wegdriften? Keine Chance. Zu gut beherrscht das Leitungsteam seine Jobs, zu dicht verwoben sind Musik, Gesang, Regie und Ausstattung.
Regisseur Evgeny Titov entfaltet im monumentalen Katastrophensetting von Rufus Didwiszus in der Felsenreitschule ein präzise aufgestelltes, genau beobachtendes Kammerspiel der Verzweiflung. Die Kostüme von Emma Ryott, Kleider und Uniformen, geben da und dort Farbe, die das dominierende Fels- und Feldgrau noch brutaler wirken lässt. Tatsächlich stürmen gegen Ende ein paar Soldaten mit Waffen quer über die Szene und bestätigen, was ohnedies von Beginn an klar war: Keine Naturkatastrophe hat die Bahnanlage zerstört, sondern der Krieg. Kurt Tucholskys großes Gedicht Krieg dem Kriege geht einem immer wieder durch den Kopf. Sie lagen vier Jahre im Schützengraben. Zeit, große Zeit... Der bevorstehende Abzug der Garnison ist ein wichtiges Thema im Stück, das künftige Fehlen auch noch der Offiziere in der dürftigen High Society wird mit Bangen erwartet. Im Kriegs-Kontext der Festspiel-Produktion, Premiere war am Freitag (8.8.), hat der Abzug der Garnison zusätzliche Bedeutung.
Im Mittelpunkt der Oper von Peter Eötvös, uraufgeführt 1998, stehen mit Irina und Mascha zwei der drei Schwestern sowie der Bruder Andrej. Olga habe zu wenig eigenständiges Leben und daher nicht ebenfalls zum Mittelpunkt werden können, so der Komponist. Olga hält freilich die Familie wie die Geschichte zusammen. Die Rollen aller drei Schwestern sowie ihrer Schwägerin Natascha sind mit Countertenören besetzt. Ein Weltklasse-Casting, wie es wohl nur den Salzburger Festspielen gelingt: Dennis Orellana singt, in männlicher Sopran-Lage, die Partie der Irina; Cameron Shahbaz in Mezzo-Lage die Partie der Mascha und Aryeh Nussbaum Cohen in Alt-Lage die der Olga. Der Bariton Jacques Imbrailo brilliert als Bruder Andrej, der nicht weniger verzweifelt ist, als seine Schwestern. Er verzweifelt unter anderem an seiner vulgären Ehefrau Natascha, dargestellt und gesungen vom Countertenor Kangmin Justin Kim als eine der widerlichsten Gestalten in Literatur und Oper.
Ein „äußerst tiefer Bass“ ist vom Komponisten für die Rolle der alten Amme Anfisa vorgesehen und mit Aleksander Teliga grandios besetzt. Wenigstens erwähnt werden müssen Mikołaj Trąbka, als Baron Leutnant Tusenbach verliebt in Irina, Anthony Robin Schneider als dessen Nebenbuhler Soljony, Ivan Ludlow als Oberstleutnant Werschinin und Andrei Valentiy als Maschas besitzergreifender Ehemann Kulygin. Jörg Schneider verstört alle und verspottet als versoffener Doktor mit seinem unheimlichen Tararabumbija die Hoffnungen aller.
Die Instrumentalisten leisten Großartiges über große Distanzen hinweg. Maxime Pascal hat die musikalische Gesamtleitung des Klangforum Wien Orchester. Er dirigiert das Solistenensemble im Orchestergraben der Felsenreitschule. Alphonse Cemin leitet das Orchester hinter der Bühne. Paul Jeukendrup zeichnet für die Klangregie. Jeder Figur sind charakterisierende Instrumente zugeordnet. Die Facetten des Aufbegehrens und der Verzweiflung – sie werden Klang und Ereignis in dieser Jahrhundertproduktion.
Zahlreiche Statisten, allen voran die alte mollige Frau, die quasi leitmotivisch – mit oder ohne Infusionsständer – über die Szene hinkt, tapst oder tänzelt und einmal in einer echten Klettertour das Moskau-Schild am Abhang anbringt: Sie alle tragen zur dichten Atmosphäre wesentlich bei. Bravi an alle. „Die Musik spielt so heiter … unser Leid wird zur Freude werden für die, die nach uns kommen. Und sie werden sich mit Dankbarkeit an uns erinnern. Oh, wie die Musik spielt.“ So heißt es im Prolog zur Oper, der auf dem Epilog des Theaterstücks basiert.
Im Bühnenbild von Rufus Didwiszus stehen Irina, Mascha und Olga anfangs in den Trümmern der Eisenbahntrasse vor der zerstörten Brücke, deren verbogene Schienenstränge immer wieder effektvoll in Flammen aufgehen werden. Sie stehen am Abgrund dessen, was einmal der Weg in die Freiheit gewesen wäre. Aber war die Hoffnung auf Entkommen je realistisch? Was hält die Schwestern, und auch den Bruder, davon ab, aus der Provinzstadt, in die der längst verstorbene Vater einst versetzt worden war, zurück in die Metropole zu ziehen? Der Mensch kann nicht heraus aus seiner Haut... Der Trank aus Verweiflung und Antriebslosigkeit ist genial gemixt – im Schauspiel wie in der Oper. Die so klangfarbenreiche und doch permanent in sich kreisende Musik von Peter Eötvös ist noch erbarmungsloser als die Sprache Tschechows.
Drei Schwestern – drei weitere Aufführungen am 12., 21., und 24. August in der Felsenreitschule – www.salzburgerfestspiele.at
Bilder: SF / Monika Rrittershaus