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Wüstes Opfer, delikate Musik

HÖRVERGNÜGEN / KLAUS MÄKELÄ

10/01/24 Bis zum Frühling dauert es noch ein wenig. Aber Le sacre du printemps als Türöffner und Schlüsselwerk zur Moderne liegt nun als Neueinspielung mit dem finnischen Dirigenten Klaus Mäkelä auf CD und, für besondere Audio-Liebhaber, auch auf Vinyl bei DECCA vor. Die Interpretation des Stücks lässt erwarten, dass von dem Jungdirigenten noch viel zu hören sein wird.

Von Andreas Vogl

Igor Stravinskys Ballett Le sacre du printemps – Frühlingsweihe – ist ein Monolith der Musikgeschichte, dessen Wirkung auf die spätere Musik des 20. und 21. Jahrhundert abfärbt und sie beeinflusst. War die Uraufführung 1913 in Paris bei den berühmten Ballet Russes rund um den Impresario Serge Diaghilev, der unter anderem die legendären Choreographen Michel Fokine und Vaslav Nijinsky beschäftigte, einer der größten Skandale der Musik- und Ballettgeschichte, so ist das Werk heutzutage eher ein durchaus beliebter Klassiker des Konzertrepertoires. Selten ist das Stück mittlerweile als inszeniertes Ballett zu erleben. Aber an der Musik kann – und muss – sich jeder Dirigent, jede Dirigenten erproben und beweisen.

Die Interpretiationsgeschichte der archaischen Musik voller Polyrhythmik und Polymetrik reicht von Stravinskys eigenen Tondokumenten mit dem Columbia Symphony Orchestra von 1960 und seiner älteren Aufnahme von 1940 mit dem Symphony Orchestra of New York, über die (Referez-)Einspielung von Pierre Monteux, dem Uraufführungsdirigenten, mit dem Orchestre de la Société des concerts du Conservatoire de Paris (1957), über den emotionalen Leonard Bernstein mit dem Israel Philharmonic Orchestra (1982), bis herauf zu dem analytischen Pierre Boulez mit dem Cleveland Orchestra (1992). 2004 machte vor allem Sir Simon Rattle mit den Berliner Philharmonikern mit dem Stück Erfolg beim vorwiegend jüngeren Publikum anlässlich des pädagogisch wertvollen Tanz- und Filmprojekts Rhythm is it!

Seine erste Aufnahme mit dem Orchestre de Paris hat nun Klaus Mäkelä einem reinen Stravinsky Programm gewidmet. Neben dem „Sacre“ erklingt auch ein weiteres Ballett Russes, der bereits 1910 uraufgeführte L’oiseau de feu – Der Feuervogel. Klaus wer?… fragen nun vermutlich einige Leser. Ja, da ist ein neuer Dirigentenname relativ rasch in der Klassikszene unumgänglich geworden.

Der 1996 in Helsinki geborene Dirigent und ausgebildete Cellist hat an der Sibelius Akademie studiert, wurde 2020 zum Chefdirigenten des Oslo Philharmonic Orchestra ernannt, seit 2021 ist er Musikdirektor des Orchestre de Paris und mit 2027 übernimmt er als Chefdirigent und Nachfolger von Mariss Jansons das Concertgebouw Orchestra Amsterdam. Ausserdem leitet er das Turku Music Festival in Finnland. All dieser Erfolg und vor allem sein mittlerweile einzigartiger Dirigierstil sowie sein Gefühl für die Musik machen ihn zu einem der begehrtesten und interessantesten Dirigenten zur Zeit. Man hört, Chicago interessiert sich bereits für ihn als Nachfolger des dort scheidenden Riccardo Muti. 

Und die Plattenfirma DECCA hat den noch nicht mal dreißigjährigen bereits als ersten Dirigenten seit Riccardo Chailly exklusiv und langfristig unter Vertrag genommen. Die Stravinsky CD ist die zweite Veröffentlichung von Mäkelä. Nach der Gesamtaufnahme aller sieben Sibelius Sinfonien mit dem Oslo Philharmonic Orchestra (2022), ist ihm mit Sacre und Feuervogel wiederum eine beachtliche Qualitätsaufnahme gelungen. Nicht nur, dass er das Orchester zu Höchstleistungen anspornt, hier hört man beim Sacre zum Beispiel eine unglaublich präsente und perfekte Schlagwerkgruppe. Er kann auch die spannende Balance zwischen Emotion und Analytik herbeiführen, welches dem Sog und der Wirkung des vorwiegend auf Rhythmus basierten Balletts Sacre, aber auch den zarten Lyrismen und feinen Nuancen der noch an Stravinsky’s Lehrer Nicolai Rimsky-Korsakov erinnernden Instrumentierung des Feuervogels sehr gut tut. 

Hier wächst gemeinsam mit den großen Qualitäts-Orchestern der Welt ein spannender Dirigent heran. Wie einst bei Muti, Abbado oder Mehta wird es spanend sein, diese Karriere zu verfolgen!

Igor Stravinsky: Le sacre du printemps & L’oiseau de feu. Orchestre de Paris / Klaus Mäkelä
als CD DECCA 002894853946 und  LP DECCA 002894853947

 

 

 

 

 

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