PHILHARMONIE SALZBURG / JOHANNESPASSION

02/04/26 Als „Turbae“ bezeichnet man jene Chöre in der Passionserzählung, in denen sich das Volk lautstark einmengt in die Gespräche der „Soliloquenten“, wörtlich übersetzt: der Alleine-Sprecher. Das lateinische Wort „Turba“ meint Menge, ja Meute.

Von Reinhard Kriechbaum

Einer solchen Meute, einer aufgebrachten und nicht zu bremsenden Volksmasse glaubt man jetzt tatsächlich gegenüber zu stehen in der dreimaligen Aufführung von Bachs Johannespassion durch Chor und Orchester der Philharmonie Salzburg unter Elisabeth Fuchs im Großen Saal des Mozarteums. Da muss Petrus sich tatsächlich fürchten, wenn der Chor angriffig stichelnd fragt „Bist Du nicht seiner Jünger einer?“ Es ist kein Wunder, dass der Jünger augenblicklich beteuert, nicht zur Gefolgschaft des Delinquenten zu gehören. Und die Forderung der Volksmasse, Jesus ans Kreuz zu schlagen, ist in der Ausformulierung durch Bach und gerade in dieser energievollen Umsetzung durch Elisabeth Fuchs geeignet, einem kalte Schauer über den Rücken zu jagen.

Eine Aufführung der Johannespassion jedenfalls, die – nach einer nicht minder intensiven Beschäftigung mit Händels Messias im Vorjahr – bestätigte, wie gut sich die Vokalisten und Instrumentalisten der Philharmonie Salzburg auch in der barocken Ausdruckswelt zurechtfinden. Elisabeth Fuchs zeigt sich auch diesmal als sehr stilsicher – dass sie sich auf das Effektmachen bestens versteht, ist sowieso außer Frage.

Die Sängertruppe läuft diesmal unter „Kammerchor der Philharmonie Salzburg“, eigentlich eine Untertreibung angesichts der tatsächlichen Zahl an Mitwirkenden. Mit denen lässt sich in den präzise formulierten Einwürfen der aufgebrachten Menge schon eine Atmosphäre des Bedrohlichen aufbauen. Aber es kommen auch die pietistischen Momente in den Choral-Betrachtungen gut zur Geltung. Der Schlusschor „Ruhet wohl“ in seiner innig-sanften Bewegung und der nachgeschickte „Lieb Engelein“-Choral sind dafür einprägsame Beispiele. Da ist ein Amateurchor beisammen (natürlich mit einigen Profi-Stimmen als Verstärkung, die dann auch die kleineren Solopartien übernehmen), der seine Homogenität auch in den vielen exponierten polyphonen Passagen nicht einbüßt. Die Lösung gegen Tenormangel: Etwa die Hälfte dieser Stimmgruppe sind Frauen.

Junge Instrumentalisten kommen heutzutage auch um die Alte Musik nicht herum, und so kann Elisabeth Fuchs in diesem Bereich auf die Wendigkeit ihrer Truppe bauen. Mit einem Spezialisten wie Vittorio Ghielmi an der Gambe kann sowieso nichts schief gehen: Einprägsam beispielsweise die Alt-Arie „Es ist vollbracht“ mit obligater Gambe. Einprägasam aber auch beispielsweise die Bass-Arie „Mein teurer Heiland“, in der Orgel und Fagott so hübsch dialogisieren und der Chor sich aus dem Off mit dem Choral einmengt. Oder auch die Sopran-Arie „Zerfließe, mein herze“, wo Flöte und Oboe d'amore für Kolorit sorgen.

Der Evangelist Bernhard Berchtold, am Mittwochabend anfangs in der Höhe etwas befangen, hat sich rasch freigesungen. Er ist ein lebhafter, wie spontan agierender Erzähler, bestens synchronisiert unterstützt von den Continuo-Spielern Elisabeth Grain (Violoncello) und Markus Stepanek (Orgel). Wolfried Zelinka ist ein schlank artikulierender, gar nicht salbungsvoller Christus, was auch intensive Dialoge etwa mit Pilatus (Samuel Pörnbacher) sichert. Christa Ratzenböck ist eine so bewährte wie zurückhaltende Gestalterin der Alt-Arien, die junge Sopranistin Miriam Kutrowatz meistert schwerelos die fordernden Koloraturen in der Arie „Ich folge dir gleichfalls“, in die sie noch einige zusätzliche Verzierungen einbringt.

Weitere Aufführungen heute Donnerstag (2.4.) und am Karfreitag (3.4.), jeweils um 19.30 Uhr im Großen Saal des Mozarteums – www.philharmoniesalzburg.at
Bilder: Philharmonie Salzburg / Erika Mayer