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Macht und Milde

REST DER WELT / WIEN / LA CLEMENZA DI TITO

18/05/12 „Una porcheria tedesca“ soll Kaiserin Maria Luisa die anlässlich der Krönung ihres Gemahls Leopold II zum böhmischen König am 6. September 1791 in Prag uraufgeführte „La clemenza di Tito“ betitelt haben. Alles andere als eine Huldigungsoper, auch in der Lesart von Jürgen Flimm an der Staatsoper.

Von Oliver Schneider

Eine Huldigungsoper sollte es werden, weshalb der Impresario des Prager Ständetheaters Pietro Metastasios bereits vertonte „La clemenza di Tito“ als Libretto vorschlug. Da zwischen dem Erteilen des lukrativen Auftrags an Mozart und dem geplanten Uraufführungsdatum nur zwei Monate lagen, wurde der Text von Caterino Mazzolà kurzerhand überarbeitet. Herausgekommen ist – und das wissen wir spätestens seit der kongenialen Salzburger Inszenierung von Martin Kušej unter der Leitung von Nikolaus Harnoncourt – alles andere als eine Huldigungsoper, womit die Verstörung der höfischen Uraufführungsgesellschaft im Nachhinein verständlich ist.

In Wien hatte es der „Titus“ auch nie ganz einfach. Die letzten beiden Produktionen schafften es nur je neunmal auf den Spielplan. Für die Neuinszenierung von Jürgen Flimm, eine Koproduktion mit seinem Berliner Haus, sind bis Ende Oktober auch insgesamt bereits neun Aufführungen geplant. Ob es mehr geben wird?

Flimm hat die um das Thema „Macht“ kreisende Opera seria aktualisiert. Wände eines barocken Palais, dessen Glanzzeiten lange vorbei sind und das heute als Kunstraum und Party-Location genutzt wird, werden immer wieder verschoben, um die häufigen Ortswechsel anzuzeigen (Bühne: George Tsypin). Eine lange Bar, ein Tisch, an dem Titus mit seinen Freunden tafelt. Wenn das Capitol brennt und am Schluss, blickt man auf eine nackte Betonwand im Hintergrund. Bilder, die für viele Werke des Opernrepertoires mit zeitlosem Inhalt passen würden. Vor allem sind es Bilder, die an andere, zum Teil sehr gelungene Flimm-Inszenierungen in früheren Jahren erinnern.

Lässt man das Äußerliche beiseite und konzentriert sich auf die Personen, kann man dem Abend einiges abgewinnen. Flimm hat Berenice als stumme Rolle eingeführt, die jüdische Geliebte Titos, die der Kaiser verlässt, um dem Willen des Volkes Genüge zu tun. Zu den letzten Klängen der Ouvertüre verlässt sie ihn am Morgen, während sich sein Freund Sesto und Vitellia aus dem Bett erheben. Vitellia sind alle Mittel Recht, um an die Macht zu kommen – sie ist die Tochter des gestürzten Kaisers Vitellius. Die scheinbar so nette Party-Gesellschaft stattet sie mit Maschinengewehren aus, damit sie die Herrschaft für Vitellia an sich reissen. Sesto ist ihr ohnehin hörig. Anders als bei ihm, ist Liebe für sie nur Mittel zum Zweck.

Flimm arbeitet die unterschiedlichen Verständnisse von Macht von Vitellia und Tito pointiert heraus. Dafür stehen ihm in Juliane Banse und Michael Schade hervorragende Singschauspieler zur Verfügung. Schon mit dem Verzicht auf Berenice hat Tito sich nachgiebig gezeigt, und er will unbedingt als milder Kaiser in die Annalen eingehen, auch wenn er innerlich an dem Ziel zerbrechen sollte. Vitellias Verschwörung gegen ihn wird aufgedeckt, und am Pranger steht zunächst ihr Handlanger Sesto, der die Schuld auf sich nehmen will. Tito ist im inneren Kampf, ob er seinem Freund verzeihen soll oder nicht. Bis zum Wahnsinn treibt ihn die Vorstellung, einem Freund gegenüber Härte zu zeigen. Sesto ergeht es mit seinen Schuldgefühlen nicht anders, wofür Flimm starke Bilder geschaffen hat.

Als sich dann Vitellia von Annio und Servilia endlich überreden lässt, ihre Schuld einzugestehen, löst sich zwar das Missverständnis auf, doch von Happy-End kann keine Rede sein. Ob Titus Vitellia noch ehelichen wird, wie er das vor der von ihr angezettelten Verschwörung vorhatte, bleibt offen, auch wenn sie sich ein Papierkrönchen aufsetzt.

Michael Schade verkörperte den die Herrschermilde ad Absurdum führenden Kaiser bereits in Kušejs Inszenierung und ist als Persönlichkeit seit 2006 noch mehr gereift. Es ist vor allem seine Mezza Voce mit der unendlichen Ausdrucksvielfalt, die immer wieder fasziniert. El?na Garan?a war 2003 in Salzburg der Annio, jetzt singt sie den Sesto. Aber was heißt, sie singt: Sie ist Sesto mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln und betört mit ihrer noch satter gewordenen, runden Mittellage und einer fein abgestuften Dynamik. Die Garan?a bietet pure Hörfreuden, so dass ihr „Parto, ma tun ben mio“ mit der perfekt intonierten Klarinette als solistischer Begleitung und vor allem das Rondo im zweiten Akt zu den musikalischen Höhepunkten werden.

Serena Malfi überzeugt mit wunderschönem Legato und einer sich von der Garan?a differenzierenden Stimme als Annio, Chen Reiss erfüllt Sestos Schwester Servilia, auf die Tito aus Großmütigkeit für Annio verzichtet, mit eleganter und jugendlicher Noblesse. Adam Plachetka ist für den Publio eine Luxusbesetzung. Bleibt Juliane Banse, die mit der von Mozart weit angelegten Partie und den Registersprüngen kämpft. So schön und warm die Stimme in der Mittellage klingt, in der Höhe klingt sie rasch angestrengt und dünn.

Am Pult des Staatsopernorchesters leitet Louis Langrée erstmals eine Neuinszenierung im Haus am Ring und reüssiert auf der ganzen Linie. Schon in der Ouvertüre wird differenziert und ausdrucksvoll musiziert, wobei Langrées Dirigat vor allem in der gespannten Atmosphäre des zweiten Akts nach Aufdecken der Verschwörung einen wesentlichen Beitrag zum runden Gesamteindruck hinterlässt. Der von Martin Schebesta einstudierte Chor darf für einmal vom Blatt in dunkler Anzügen und Kostümen singen.

Weitere Vorstellungen: 21., 24. und 27. Mai, 1. Juni sowie 18. bis 28. Oktober. – www.staatsoper.at
Bilder: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

 

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