FESTSPIELE / WIENER PHILHARMONIKER / THIELEMANN
22/08/26 Verständnis hat man schon für Pablo de Sarasate, der sich nicht auf's Podium stellen wollte, „um mit der Geige in der Hand zuzuhören, wie im Adagio die Oboe die einzige Melodie des ganzen Stückes vorspielt“. Es geht um das Violinkonzert von Brahms.
Von Heidemarie Klabacher
Ist ja irgendwie auch wahr. Die langsame Orchestereinleitung zum lyrischen Adagio gehört den Holzbläsern und eben der Oboe mit ihrem lyrisch melodischen Solo. Besonders in Händen der Bläser der Wiener Philharmoniker unter Christian Thielemann (oder durchaus auch nicht unter Thielemann) entfalten die Wind-Instrumente ihren besonderen innigen Sound.
Augustin Hadelich, der Violinsolist bei der Wiener Philharmoniker-Matinee am Samstag (22.8.) hat es mit Präsenz und Brillanz in jeder Hinsicht mit dem Orchester aufgenommen. Strahlende Geigen-Momente entfaltete er auch in besagtem Adadgio. Dennoch hat Brahms sein Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 77 weder als Virtuosenkonzert angelegt noch als solches gedacht. Im quasi gleichberechtigten Miteinander von Solo- und Orchester-Part liegen die Stärken – und tatsächlich eben auch die Längen des Konzerts.
Diesen schien Christian Thielemann gegensteuern zu wollen, indem er bereits in der Orchestereinleitung zum Allegro unerwartete kleine rhytmische Akzente einstreute, die späteren Synkopen ein wenig vorwegnehmend. Dramatisch der Einstieg der Solovioline. Mitreißend der Übergang zum lieblichen Wiegen und die Rückkehr zurück zum dramatsichen Aufrauschen mit fast gestampften Forte im Orchester.
Beinah hört man den Engel Leonore grüßen – bevor der Solist in der Kadenz (vom Uraufführungs-Geiger Joseph Joachim) endlich virtuos aufgeigen durfte. Zackig, gewittrig, bockig gingen Thielemann und die Wiener ins Allegro. Besonders hier fielen die Qualitäten des Geigers Augustin Hadelich auf, der in seinen – immer in den Orchesterpart eingebetten – Solo-Momenten virtuos aufzustrahlen und sich sich ebenso wendig wieder zurückzunehmen wusste.
Fast das Gleiche, nur eben ohne Sologeige, bot die Wiedergabe der Symphonie Nr. 1 c-Moll op. 68 von Johannes Brahms. Thielemann und die Wiener schienen das Werk mit seinen Aufschwüngen immer wieder auf den Pfad zur Beethoven-Werdung schicken zu wollen – ausgehend vom pochenden Orgelpunkt im ersten Satz. Großartig die Pauke! Dass man die Erste Brahms gerne als Zehnte Beethoven ein wenig verspottet hat, lässt tatsächlich nicht einmal eine so klangvolle brillante Wiedergabe ganz vergessen. Zielerichtet hielt Christian Thielemann den vielgestaltigen vierten Satz – mit spannungsvoll aufgebauten Crescendi, dem wunderbaren Posaunensolo, dem geschmeidigen Bläserchoral bis hin zum erlösenden Tumult im Finale – auf einer großen dramatischen Linie. Großer Jubel.
Bilder: SF / Marco Borrelli
