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Grauslige Aktualität

SCHAUSPIELHAUS / 1984

08/09/24 George Orwells Dystopie 1984 ist ein zeitlos gültiger Klassiker, der im Schauspielhaus Salzburg eine bunte und scheinbar freundliche Form erhält – und gut verträgt. Umso eindringlicher die Botschaft: Lernen wir Geschichte und pflegen wir eine möglichst klare Sprache.

Von Erhard Petzel

Wir sehen anno 2024 auf die ominöse Jahreszahl 1984 im gleichen zeitlichen Abstand zurück, den Orwell durch das Verdrehen der letzten Ziffern des Entstehungsjahres in die Zukunft gelegt hatte. Und es ist grausig zu sehen, wie der Roman nichts an Aktualität eingebüßt hat. Wie, im Gegenteil, die Schärfe seiner Hypertrophien in heutigen Lebenswirklichkeiten zu aktueller Entfaltung kommen.

Dabei braucht es die graue Eintönigkeit gar nicht, wie sie kongenial in den beeindruckenden Verfilmungen aus der Vorlage übernommen wird. Auch auf den ständig präsenten Bildschirm kann verzichtet werden, ist er uns aus anderen Gründen ohnehin schon zur zweiten Natur geworden. Die Fassung von Tabea Baumanns in der Regie von Dávid Paškas im Schauspielhaus Salzburg eröffnet im Bühnenbild Julius Leon Seilers einen neuen, poetischen Zugang in die Grundlagen der Dystopie.

Der Raum ist geometrisch gegliedert durch eine Anzahl von Aquarien. Die bunten Fische sind allerdings Projektionen. Fallen die weg, lassen die karg besetzten Glasbehälter den Blick auf die hintere Bühne frei und eröffnen den Raum in die Tiefe des Widerstandes, in dem Julia (Johanna Egger) und Winston Smith (Johannes Hoffmann) per Liebesakt gegen das Regime aufbegehren. Der bergende Wald ist allerdings auf einen kahlen Baumstamm reduziert: Nicht einmal die freie Natur schützt vor dem Zugriff des Regimes von Big Brother. So wie heute die Natur durch den allumfassenden Zugriff des Menschen ihrer vitalen Kraft verlustig zu gehen droht.

Der Rahmen zwischen den Aquarien lässt sich aus- und wieder zuklappen, sodass er ein festes Gebäude des Regimes vorzugeben scheint, in dem die Aquarien wie Fenster in eine klaustrophobische Binnenwelt glänzen. Die Aquarien-Metapher ist weiter in den Bühnenraum entwickelt, indem die Menschen auf der Bühne vom Publikum durch eine Glaswand getrennt sind.

Es braucht nur zwei Zugänge und wenig Requsite zum Ortswechsel, wobei das Grammophon als Audiogerät in Fischform im Krempel des Antiquariats von Charrington aufliegt. Die Badewanne ist ein Wassercontainer mit rundem Bullauge, sodass eine prinzipiell neue Ebene der Ästhetik aufgeworfen ist, in die der Zwiespalt von Sehnsucht und materieller Erinnerung in einer veränderten funktionellen Wirklichkeit im nebulösen Changieren von Wahrnehmung und Sicherheit verhandelt wird.

Auf einem großen Baugitter hängen durchsichtige Plastiksäcke wie Wasserbomben (in denen man gleich transportierte Fische vermuten möchte), aus denen die Menschen sich mit billigem Regime-Gin besaufen. Dann hängt der überführte Winston dran, bevor das Gitter zur Gefängnistür der Folterzelle wird.

Der Schnellraffer, in dem der Roman durchlaufen wird, funktioniert inhaltlich erstaunlich konzise. Dass mit Christiane Warnecke die Figur des O’Brien weiblich besetzt ist, verstärkt den emotionell vereinnahmenden Zugriff des Regimes und dessen Anspruch, die Menschen total zu besetzen. Die heikle Folterszene wird auf Bühnenmaß unterspielt, die Stromschläge sind als Blitzlicht realisiert. Die Rattenszene in Zimmer 101 wird von Julia beschrieben, wenn sie zu dritt Hand in Hand sitzen, O’Brien zwischen ihnen. Nachdem sie beide sich gegenseitig verraten haben, stehen sie wieder im Chor der geknechteten Marionetten und huldigen pflichtgemäß dem Großen Bruder, der hier nur gesichtslose Idee bleibt. Für Quak-Sprech findet sich in den Hass-Aufführungen Gelegenheit.

Wolfgang Kandler und Enrico Riethmüller ergänzen das Personal, das mit der Familie Parsons, Syme und Agenten auskommt, um die Kernbotschaften am Arbeitsplatz zu schmettern und dabei doch auch albernde Kollegenschaft zu pflegen.

Die Kostüme Maria-Lena Poindls sind angenehm unauffällig, die Stimmen der Kinder und des Ansagers werden durch eine Gasmaske grotesk verzerrt, wodurch das Monströse des Inhalts sich in der äußeren Wahrnehmung spiegelt. 1984 findet hier zu einer ästhetisch eigenständigen Umsetzung, die dem Roman bei aller Verkürzung gerecht wird. Nehmen wir ihn uns zu Herzen, lernen wir Geschichte und pflegen wir eine möglichst klare Sprache ohne ideologischen Ballast. Meiden wir die Fallen autoritärer Moralität.

Aufführungen im Schauspielhaus Salzburg bis 3. Mail – www.schauspielhaus-salzburg.at
Bilder: SHS / Jan Friese

 

 

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