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Die Flut steigt, die Empörung ebbt ab

OFF THEATER / VERFASSUNG DER STRÄNDE

16/04/24 Von einem „Monster von einem Text“ war anlässlich der Uraufführung 2012, beim Heidelberger Stückemarkt, die Rede – und das ist nicht hochgestapelt: Den Wortschwall, mit dem der Wiener Dramatiker Stephan Lack in dem Stück Die Verfassung der Strände sein Publikum ertränkt, hat sich gewaschen.

Von Reinhard Kriechbaum

Strände sind bekanntlich vom Wasser umspült, und wenn dieses mal los ist, ist kein Halten mehr – auch nicht die dauer-wortspielerische Überschwemmung in diesem Stück. Es muss schon ein wenig misstrauisch stimmen, wenn ein Theatertext, der vor zwölf Jahren doch sehr prominent platziert aus der Taufe gehoben wurde, zwar damals mit Respekt gelobt wurde, dann aber ganz rasch in den Schubladen von Theaterdirektoren und Dramaturgen verschwunden ist. Auch Alex Linse vom OffTheater Salzburg hat nach der Premiere eingeräumt, dass Die Verfassung der Strände sehr lange abgelegen ist. Nun schien ihm die Zeit reif dafür.

Tatsächlich ist die Thematik nicht verjährt. Vielleicht würde man ein Stück, das den Mangel an ökologischem Bewusstsein thematisiert, heutzutage nicht unbedingt an einer Ölpest im Meer aufhängen. Aber Mikroplastik war 2012 noch nicht wirklich das Thema. Eine Öl-Katastrophe steht im Mittelpunkt des ersten Teils. Felix Ludwig hat sich dazu ein Sonnenuntergangs-Video ausgedacht, eine trügerische Idylle, die mehrmals beim Wort „Feuer“ in einen Oberflächenbrand kippt. Davor ein Ölfass und ein Kunstkopf. Der Text kommt aus dem Off. Er verlangt nicht wenig Durchhaltevermögen vom Publikum, denn Stephan Lack geriert sich in dem Stück als Super-Jelinek. In dieser schier endlosen Suada kommt kein Satz ohne Wort-Doppeldeutigkeiten und spielerische Sprachkonstrukte aus. „Alles geht den Bach runter ins Meer“, aber „wofür gibt es Putzerfische?“ Schwacher Trost: „Auch Kleinvieh macht Mist weg.“ Eben nicht allen. „Sie essen ja auch Ölsardinen“, ist ein banaler Versuch der Beruhigung. Trost für die Verursacher: „Die Flut steigt, die Empörung ebbt ab.“

Da hat man also nach der ersten Episode, schon jede Hoffnung versenkt. Glücklicherweise macht man es im OffTheater dem Publikum dann doch deutlich leichter, indem man jede Episode einem anderen künstlerischen Team anvertraute. Aufs Komödiantische versteht man sich in diesem Etablissement. So sind die drei Grand Guignols mit weiß geschminkten Gesichtern, die sich im Namen der Öl-Firma für das Geschehene entschuldigen, ohne auch nur irgendetwas einzugestehen, schon besser verdaulich. In diesem Abschnitt (in Szene gesetzt von Alex Linse) geht es darum, dass beschönigende Worthülsen entlarvt werden. Eine weitere skurrile Spielszene heißt Baywatch (Regie: Jonas Meyer-Wegener). An diesem Strand geht die Sonne nicht am Meereshorizont unter, sondern im Beton der Investoren. „Den Badegästen ist das Meer versalzen.“

Eine Kreuzfahrt bringt's bekanntlich auch nicht in Sachen Ökologie: Den Abschnitt Loveboot hat Nicole Baïer aus Filmschnipseln und gefilmten Spielszenen collagiert. Jenny Szabo ist die Regisseurin im finalen Weltuntergangsszenario Waterworld, wo man wieder recht mühselig und depressiv im Textstrudel von Stephan Lack landet.

Als wär's nicht schon Textüberschwemmung genug, hat sich der Autor noch ein Salzburg-spezifisches Intermezzo ausgedacht. Seen sehen hat Alex Linse zu einem „Heimat-Hörspiel“ geformt. Ein „See-Test als Seh-Test“. Mit dem Anschauen des Wassers ist es nicht weit her, weil die ufernahen „Neusiedler“ auch am Mondsee das „knappe Gut Natur“ lieber „hinter Schranken“ bewahren, jedenfalls für sich. „Schilfgürtel enger schnallen“ ist auch keine Lösung.

An kreativen Sprachbildern mangelt es dem Autor nicht. Aber auch das sehr ambitionierte Salzburger Theaterunternehmen mit dem spielfreudigen Darsteller-Quartett Diana Paul, Anja Clementi, Jakob Kücher und Tom Pfertner kann nicht darüber hinwegtäuschen: Stephan Lack hechelt dem Vorbild Elfriede Jelinek doch mit gehörigem Abstand hinterher. Es fehlt dem Text deren hinterfotziger, angriffiger Humor. Was für ein Format hat dagegen  Elfriede Jelneks Umwelt-Drama Sonne/Luft! Die Verfassung der Strände steht dagegen eher für erdnahes, wenn auch wortgewandtes Dauernörgeln. Es nimmt sich einfach viel zu ernst.

Nächste Aufführungen am 18. und 26. April, 10. und 25. Mai, 18., 14. und 21. Juni – www.off.theater
Bilder: Off Theater / ebihara-photography

 

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