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Orpheus und Eurydike mal umgekehrt

MÜNCHEN / BABYLON

30/10/12 Jörg Widmanns erste große Oper „Babylon“ wurde bei ihrer Uraufführung in der Bayerischen Staatsoper heftig bejubelt, einige Buhrufe musste der Librettist Peter Sloterdijk einstecken.

Von Oliver Schneider

Jörg Widmann, Schüler von Hans Werner Henze, und alle Mitwirkenden widmeten die Uraufführung von „Babylon“ am Samstag (27.10.) in der Bayerischen Staatsoper dem großen deutschen Komponisten, der am Morgen dieses Tages verstorben war. Doch anstatt, dass man das Publikum bat, sich für eine Schweigeminute zu erheben, gab es Applaus. Ein ungewöhnliches Vorspiel eines Abends, der ansonsten wohl als der frühe künstlerische Saisonhöhepunkt in München bezeichnet werden darf, auch wenn noch weitere fünf Premieren folgen werden.

Mit der Kombination aus Musik von Jörg Widmann, einem der wichtigsten und bei einem breiten Publikum erfolgreichen zeitgenössischen Komponisten und einem Libretto von Peter Sloterdijk war der Erfolg vorprogrammiert. Es kommt hinzu, dass die Oper in sieben Bildern mit Vor-, Zwischen- und Nachspiel von dem Katalanen Carlus Padrissa, Mitbegründer von La Fura dels Baus, inszeniert wurde. Vor allem für die großen Tableaus durfte man sich spektakuläre Bilder mit Videosequenzen, Menschenmassen und aufwändigen Kostümen erwarten. Und so war es auch, Ohr und Auge waren am Premierenabend gefordert.

Was sich allerdings zu Beginn während der Sintflut noch als faszinierend erweist, da vor allem Musik und Bilder so harmonisch aufeinander abgestimmt sind, entwickelt sich im Laufe des rund dreieinhalbstündigen Abends zu einer Über-Bebilderung. Weniger wäre mehr. Das gilt auch für den Text.

Peter Sloterdijk hat für das Libretto über den Schmelztiegel Babylon, in dem babylonische und jüdische Kultur aufeinander stoßen, unter anderem auf den babylonischen Schöpfungsmythos, das Gilgamesch-Epos, apokryphe Schriften und Bücher jüdischer Propheten zurückgegriffen. Im Zentrum steht die Liebe zwischen der babylonischen Priesterin Inanna (Anna Prohaska, die stimmlich und darstellerisch alle Facetten ihres Könnens zeigen darf) zum Juden Tammu. Sie findet ein jähes Ende, weil der Priesterkönig beschließt, seinen Vertrauten Tammu den Göttern zu opfern. Inanna will noch nicht auf ihren Geliebten verzichten und steigt wie Orpheus in den Orkus herab. Anders als in der Orpheus-Sage gelingt die Rettung nur, indem Inanna den Geliebten mit ihren Blicken fixiert. In München wird diese Rückkehr in einer Videoeinspielung gezeigt (welovecode / Tigrelab): Über eine lange, steile Treppe gelangen die beiden Liebenden langsam ans Tageslicht, wo sie sich endlich wieder die Hände reichen dürfen.

Während des Vorspiels kriecht der Skorpionmensch (mit agilem Countertenor Kai Wessel) durch die verwüstete, rauchende Stadt und verflucht jeden, der einen Wiederaufbau vorantreibt. Gleichwohl machen sich Bauarbeiter in hautengen weißen Anzügen während des ersten Bildes rasch an die Arbeit; den Fortschritt beweisen Videosequenzen und Computersimulationen. Bis die City Babylon mit ihrer Hochhaus-Skyline steht: sieben Bilder, sieben Planeten in silbernen Kostümen (Chru Uroz), sieben Affenwahrsager. Für Widmann und Sloterdijk spielt die magische und religiös beschwerte Zahl eine zentrale Rolle.

Immer wieder verleiten Padrissas überbordende Bilder dazu, die Musik aus den Ohren zu verlieren. Dabei bietet auch Widmann dem aufmerksamen Zuhörer innert kurzer Zeit so viel zu entdecken: vom A-Cappella-Gesang des Skorpionmenschen über die psalmodierenden Juden bis zum schwelgerischen Liebesduett zwischen Inanna und Tammu. Wenn der Euphrat über die Ufer tritt, erheischt die großartige Gabriele Schnaut als dessen Verkörperung den Großteil der Aufmerksamkeit, obwohl auch die geometrischen Projektionen für die Fluten wirkungsstark sind. Nach sieben (!) Tagen und Nächten ist der Spuk vorbei, und der Priesterkönig (bestechend singend und deklamierend Willard White) ruft die neue Weltordnung aus.

Das anschließende Neujahrsfest entwickelt sich zu einem slapstickartigen Faschingstreiben, während dessen Inanna der Fiakermilli ähnlich Koloraturkaskaden zum Besten gibt. Musikalisch reicht die Buntheit dieses Bildes vom Königlich-Bayerischen Defiliermarsch, über den jazzigen Wahrsager-Chorus der sieben Affen (sieben Prophezeiungen) und Schuhplattler bis zur Walzerseligkeit.

Von lyrischer Schönheit ist die Nachtmusik für Trompete und die Seele (Claron McFadden mit unangestrengtem Sopran und wirkungsstark), bevor der Priesterkönig dann Tammu in einer zu langatmigen Szene mit Feuer- und Wasser-Ritus opfert. Inannas Reise in die Unterwelt hat etwas von Jacques Offenbach und ist vor allem viel zu lang. Nachdem Inanna Tammu wieder ins Leben zurückgeholt hat, verkündet das Regenbogen-Septett die Woche als völkerverbindende Ordnung, der Turm von Babel, den die Mars-Männchen ähnlichen Bauarbeiter zu Beginn des Abends mühevoll erbaut haben, stürzt ein, und Babylon ist wieder zur Ruine geworden. Einziger Unterschied: Der Skorpionmensch hat Nachkommen bekommen.

So wie das antike Babylon ein Schmelztiegel der Kulturen war, lässt Widmann sich bei seiner Musik vielseitig inspirieren. Das macht sein Werk zugänglich und abwechslungsreich, ist jedoch für die Ausführenden eine große Herausforderung. Bei Generalmusikdirektor Kent Nagano liegt die musikalische Leitung in sicheren und inspirierenden Händen. Mühelos weiß er das wieder einmal ausgezeichnete Bayerische Staatsorchester, die von Sören Eckhoff einstudierten Chöre und die Solisten durch die von Brüchen und klanglichen Kontrasten gekennzeichnete Musik zu führen. Manchmal dürfte er das Riesenorchester allerdings stärker zurücknehmen, der geschmeidige lyrische Tenor Jussi Myllys als Tammu muss immer wieder gegen die Klangmassen ankämpfen.

Weitere Vorstellungen: 3., 6. und 10. November 2012 sowie 21. Juli 2013. – Kostenloser Live-Stream der Aufführung am 3. November auf der Homepage der Bayerischen Staatsoper – www.staatsoper.de

 

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