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Dem Volk aufs Maul geschaut

CD-KRITIK / DOULCE MÈMOIRE

03/01/24 Wir sind – erstens – am Anfang des Notendruckes und – zweitens – bei zwei Handschriften, in denen erstmals bis dahin ausschließlich mündlich tradierte Popularmusik niedergeschrieben wurde.

Von Reinhard Kriechbaum

1498 hat Ottaviano Petrucci in Venedig das Patent für den Notendruck mit beweglichen Metalltypen bekommen und wurde damit zum „Gutenberg der Musik“. Die drei Folgen Harmonice Musices Odhecaton, ab 1501 erschienen, waren Sammlungen vorwiegend französischer Chansons: die erste polyphone Musik überhaupt, die gedruckt wurde. Ungefähr um dieselbe Zeit entstanden zwei handschriftliche Sammlungen einstimmiger französischer Lieder. Sie enthalten in etwa die französisch/burgundischen Gassenhauer der vorangehenden hundert Jahre, also vom Beginn des 15. Jahrhunderts an. Volkstümliche Musik, die hier erstmals in Noten greifbar wird.

Was haben Petruccis Odhecaton und die beiden Handschriften (Bayeux Manuscript und Ms 12744) aus der Bibliothèque Nationale des France in Paris miteinander zu tun? Für die CD L'Amour de moy hat Denis Raisin Dadre, der Leiter des Ensembles Doulce Mémoire, das Repertoire verglichen. Es gibt nämlich bemerkenswerte Schnittmengen, denn gerade um 1500 entdeckten Komponisten den Reiz dieser volkstümlichen Lieder, deren Melodien sie polyphon fassten oder als Ausgangspunkt für Instrumentalvariationen und dergleichen hernahmen. Die Musikgeschichte kennt eine Fachbezeichnung dafür, die Chanson rustique.

Die Chanson L'Amour de moy ist so etwas wie der Prototyp dieser Stilrichtung. „Hab meine Liebe verborgen / in dem hübschen Garten mein...“ Geglückte und eher problematische Liebschaften sind die Hauptthemen, die Texte stecken voller erotischer Anspielungen. Dass es nur der Maientau – La roussée du moys de may – gewesen sein sollte, der einem Mädchen an die Unterwäsche gegangen ist, wollen wir nicht glauben.

Ein aufschlussreicher literarischer Aspekt: Aus der Chanson rustique an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert spricht erstaunliches weibliches Selbstbewusstsein. In vielen dieser Chansons sind nicht die Herren der Schöpfung die Spielmacher, sondern die jungen Damen, die ihre Begehrlichkeiten mehr als eindeutig formulieren. In Ne l'oseray je dire (Ich wag es kaum zu sagen) spricht eine offenkundig mit einem Langeweiler verheiratete Frau unverblümt aus, dass sie ihrem Glück mit einem Liebhaber nachhelfen wird. Amour fait moult (Die Liebe wächst) ist eine trügerische Versprechung, denn sie tut's nur, so lange das Geld reicht. Aber es finden sich auch Stimmungsbilder einer kriegerischen Zeit. In Gentilz galans de France ersucht eine Frau einen Soldaten, ihrem Liebsten im Feld Grüße zu überbringen. Der muss sie desillusionieren: Der junge Mann habe in der Bretagne sein Leben ausgehaucht. Vier Franziskanermönche haben ihm das Requiem gesungen.

Denis Raisin Dadre lässt mit seinem Ensemble jeweils zwei oder drei unterschiedliche Fassungen dieser Chansons hören. Einstimmig mit improvisierter Harfenbegleitung, dann kunstvolle polyphone Sätze. Dreistimmigkeit herrscht vor. Munter wird zwischen Vokal- und Instrumentalfassungen gewechselt, so dass nie Eintönigkeit entsteht. Vor allem das Consort aus Schalmei und Pommern macht viel her. Es sind durchwegs eingängige Melodien, die nicht zu unrecht gerne gesungen wurden. Entsprechend süffig wird hier musiziert.

L'Amour de moy. Doulce Mémoire, Ltg. Denis Raisin Dadre. Ricercar RIC 457

 

 

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