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Klassik kontra Klassizismus

MOZARTEUMORCHESTER / JAMIE PHILLIPS

19/12/14 Im Jahr 2013 war Jamie Phillips Finalist im Young Conductors Award der Festspiele. Der junge britische Dirigent hat sich international längst bewährt. Am Donnerstag (18.12.) leitete er das Mozarteumorchester im für heuer letzten Abo-Konzert.

Von Horst Reischenböck

Einer Programmfolge muss nicht immer zwingend eine verbindende Idee zugrunde liegen. Igor Strawinskys kurzweilige „Danses concertantes“ mag sich Jamie Phillips zum Einstieg gewünscht haben: So spontan anspringend und echt aufhorchen machend bis in die Ohrenspitzen hinein animierte er darin die von Konzertmeister Frank Stadler angeführte, kammerorchestrale Gruppe. Er ließ sie hingebungsvoll in des Komponisten klassizistisch verfremdeten Ideen schürfen, in denen es nicht selten „hindemithelt“. Strawinsky hat sich in diesen Stücken aber auch bedenkenlos gleichsam an sich selbst bedient, man denke an die gelegentlichen „Sacre“-Reminiszenzen.

Wagt sich ein Geiger zum Erstauftritt in Salzburg an ein Werk des Genius loci, so muss er seiner selbst absolut sicher sein. So, wie sich der 40jährige Augustin Hadelich dem ob des einen Finalthemas sogenannten „Strassburger“ Konzerts in D-Dur KV 218 von Wolfgang Amadé Mozart näherte, brauchte auch gar nicht darüber gehadert werden, dass er nicht stattdessen ein groß virtuoses Schlachtross ins Treffen führte. Wie einst der Urheber musizierte Hadelich vorab als Primus inter pares die Tutti mit, um dann seinen Part daraus zu heben: herzhafter Ansatz mit lyrischem Schmelz gepaart, nicht nur im Andante cantabile. In den jeweiligen Einstiegen wie zum Teil zweistimmigen, mutmaßlich eigenen Kadenzen reizte der Geiger vollmundig sein Instrument aus. Ins Finale brachte er auch augenzwinkernd den diesem Satz eingeschriebenen kleinen Schuss Schalk ein. Mit dem Vogelgezwitscher von Niccolò Paganinis E-Dur-Caprice Nr. 9 aus op. 1 als Zugabe lieferte Hadelich dann noch einen Einblick in seine gleichermaßen fulminante Technik.

Dann freilich: Könnte man nicht gut verzichten auf das, was der Engländer Barry Cooper vor gut 25 Jahren (und 2012 nochmals revidiert) als „10. Symphonie in Es-Dur von Ludwig van Beethoven“ in die Musikwelt entsandte? Es gibt lediglich Skizzen zu Themen. Sie sind verstreut auf das Bonner Beethoven-Archiv, die Staatsbibliothek Preussischer Kulturbesitz Berlin und die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Mutmaßungen, was das Genie letztlich daraus gemacht hätte, sind reine Spekulation. Was bei Franz Schuberts symphonischem Nachlass aus seinem Todesjahr, dem unvollendeten Finale von Anton Bruckner 9. Symphonie oder Gustav Mahlers Zehnter noch goutiert werden mag, das Spiel mit dem „so hätte es vielleicht sein können“, verpufft in dem Moment, in dem Material einfach zu dünn wirkt und obendrein nicht in Beethoven-würdiger Art adäquat behandelt scheint. Da half auch Jamie Phillips' engagiertes Bemühen nicht, seine angezogenen Tempi, die ihn die Zielgerade fünf Minuten eher als einst Landsmann und Kollege Wyn Morris erreichen ließen.

Dafür begeisterte und entschädigte im Anschluss daran des jungen Dirigenten typisch britisch humorvoller Blick auf Joseph Haydns G-Dur-Symphonie Hob I:100. Spritzig führte Jamie Phillips das bereits beschwingt genommene Adagio spritzig ins Allegro hinein. Das Blech durfte vergnügt der Vorwegnahme Beethovens frönen, ehe im Allegretto nach Gottfried Menths Solo auf der Naturtrompete das Schlagwerk „militärisch“ Schrecken verbreitete (der Triangel hinter Gran Cassa und Becken allerdings mehr optisch). Schließlich noch eine Steigerung hin zu dem in dieser Art absolut untanzbaren Menuett: Bravo!

Bild: jamie-phillips.com / Yves Petit (1); augustin-hadelich.com (1)

 

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